ETF bei Xetra oder Tradegate kaufen?
Wer einen ETF kauft, wählt nicht nur das Wertpapier, sondern auch den Handelsplatz. Bei den meisten Online-Brokern stehen dafür zwei Namen im Vordergrund: Xetra in Frankfurt und Tradegate in Berlin. Die beiden unterscheiden sich bei Handelszeiten, Spreads und Liquidität spürbar, und 2026 kommt ein regulatorischer Umbruch dazu, der gerade für Neobroker-Kunden relevant ist. Dieser Vergleich zeigt, wann sich welcher Handelsplatz lohnt. Wer mobil handeln will, findet in unserem Überblick zu Trade-Apps passende Anbieter.
Stand: Juni 2026.
Xetra und Tradegate kurz erklärt
Xetra ist das vollelektronische Handelssystem der Deutschen Börse mit Sitz in Frankfurt am Main. Es ist der mit Abstand umsatzstärkste Handelsplatz für Aktien und ETFs in Deutschland. Über das zentrale Orderbuch führt das System Kauf- und Verkaufsorders computergesteuert zusammen, sobald sich Preisvorstellungen treffen. Hier handeln auch institutionelle Anleger wie Fondsgesellschaften und Versicherungen, was für hohe Liquidität sorgt.
Tradegate hat sich auf Privatanleger spezialisiert. Lange galt Tradegate vor allem als außerbörslicher Direkthandelsplatz, doch das stimmt so nicht mehr: Die Tradegate Exchange ist seit 2010 ein regulierter Markt im Sinne der europäischen Finanzmarktrichtlinie MiFID und wird von der Berliner Börsenaufsicht sowie der BaFin beaufsichtigt. Zum 1. Januar 2026 ist Tradegate mit der traditionsreichen Börse Berlin zur Tradegate Berlin Stock Exchange (Tradegate BSX) verschmolzen. Mit einem Handelsvolumen von rund 477,6 Milliarden Euro im Jahr 2025 ist Tradegate damit einer der größten Handelsplätze für Privatanleger in Europa.
Wichtig zu verstehen: Bei Tradegate gibt es einen sogenannten Market Maker (die Tradegate AG mit Vollbanklizenz), der laufend An- und Verkaufskurse stellt. Dadurch lässt sich praktisch jederzeit handeln, ohne dass auf der Gegenseite ein zweiter privater Anleger warten muss. Das verleiht Tradegate die Anmutung des klassischen Direkthandels, der Handel findet aber innerhalb eines regulierten Börsenrahmens statt. Wer sich für die Mechanik des echten außerbörslichen Handels interessiert, findet die Details in unserem Beitrag zum außerbörslichen Handel (OTC).
Handelszeiten: Der klarste Unterschied
Der auffälligste Unterschied liegt bei den Handelszeiten. Xetra ist werktags von 9:00 bis 17:30 Uhr geöffnet. Tradegate erlaubt den Handel mit Aktien, ETFs und Fonds dagegen werktags bereits ab dem frühen Morgen und bis in den späten Abend: ETFs und Aktien lassen sich dort von etwa 8:00 bis 22:00 Uhr handeln (das Orderbuch öffnet je nach Gattung schon ab 7:30 Uhr).
Für berufstätige Anleger ist das ein echter Vorteil: Wer erst nach Feierabend Zeit hat, kann bei Tradegate abends noch ordern, während Xetra längst geschlossen ist. Der Haken: Nach Xetra-Schluss und an den Rändern des Handelstages nimmt die Liquidität ab. Die Spreads, also die Differenz zwischen An- und Verkaufskurs, können dann breiter ausfallen. Für eine Order am späten Abend zahlt man unter Umständen einen schlechteren Kurs als zur Hauptzeit.
Spreads und Liquidität: Worauf es bei den Kosten wirklich ankommt
Bei den Gebühren denken viele zuerst an die Ordergebühr des Brokers. Der oft größere Kostenfaktor ist jedoch der Spread. Je geringer er ist, desto günstiger kauft und verkauft man. Während der Xetra-Handelszeiten orientieren sich die Tradegate-Kurse eng an den Xetra-Kursen, weil der Market Maker sich am liquiden Referenzmarkt ausrichtet. In diesem Fenster sind die Spreads bei beiden Plätzen für gängige, große ETFs in der Regel eng.
Außerhalb der Xetra-Zeiten verschiebt sich das Bild. Fehlt der liquide Referenzmarkt, wird die Preisstellung für den Market Maker riskanter, und die Spreads weiten sich tendenziell. Das gilt besonders für ETFs auf weniger liquide oder ausländische Märkte, etwa wenn die zugrunde liegende Börse in den USA oder Asien gerade geschlossen ist. Eine praktische Faustregel: Größere Orders und Nischen-ETFs am besten während der Xetra-Kernzeit (etwa 9:30 bis 17:00 Uhr) handeln, wenn die Liquidität am höchsten ist.
Ein zusätzliches Ärgernis beim Preisvergleich: Manche Broker zeigen die An- und Verkaufskurse von Xetra und den Regionalbörsen nur mit 15 Minuten Verzögerung an. Ein direkter Echtzeitvergleich der Handelsplätze ist dadurch erschwert. Tradegate-Kurse werden hingegen meist in Echtzeit gestellt.
Gebühren: Wo welche Kosten anfallen
Beim Kauf eines ETFs fallen unabhängig vom Handelsplatz die laufende Gesamtkostenquote (TER) des ETFs sowie die Ordergebühr des Brokers an. Darüber hinaus unterscheidet sich die Kostenstruktur je nach Platz:
- Xetra: Hier kann der Broker zusätzlich ein Handelsplatzentgelt sowie ein börsliches Transaktionsentgelt weiterreichen. Bei vielen klassischen Brokern ist Xetra dadurch geringfügig teurer.
- Tradegate: Eine separate Handelsplatzgebühr entfällt bei vielen Brokern, weshalb Tradegate für die reine Order oft etwas günstiger ist.
Eine Courtage, wie sie an manchen Regionalbörsen anfällt, wird weder bei Xetra noch bei Tradegate erhoben. Wichtig: Viele Broker werben mit kostenlosen ETF-Orders, das bezieht sich aber nur auf die Ordergebühr. TER und mögliche Spread-Kosten bleiben bestehen.
Konkrete Konditionen unterscheiden sich stark je nach Anbieter. Neobroker wie Trade Republic wickeln den Handel über einen einzigen Handelsplatz zu einer Pauschale ab, während Scalable Capital Tradegate und einen eigenen Handelsplatz anbietet. Ein Direktdepot bei Tradegate ermöglicht den Handel ohne Umweg über einen Drittbroker.
Das EU-PFOF-Verbot ab Juli 2026 und seine Folgen
2026 bringt eine wichtige regulatorische Änderung. Im Zuge der EU-Finanzmarktreform (MiFIR) wird das sogenannte Payment for Order Flow (PFOF) verboten. Dabei handelt es sich um Zahlungen, die ein Broker von einem Handelsplatz dafür erhält, dass er Kundenorders dorthin leitet. Kritiker bemängeln, dass dieser Anreiz nicht immer zum besten Ausführungspreis für den Kunden führt.
Das Verbot wurde EU-weit beschlossen; Deutschland nutzt eine Übergangsfrist, die am 30. Juni 2026 ausläuft. Ab dem 1. Juli 2026 ist PFOF damit auch hierzulande untersagt. Betroffen sind vor allem Geschäftsmodelle von Neobrokern, die ihre günstigen oder kostenlosen Orders unter anderem über solche Rückvergütungen finanziert haben.
Die großen Anbieter haben sich vorbereitet, jeder auf eigene Weise:
- Trade Republic hat von der BaFin im Januar 2026 eine Lizenz für einen eigenen multilateralen Handelsplatz (MTF) erhalten und ist damit weniger von externen Market Makern abhängig.
- Scalable Capital betreibt mit der European Investor Exchange (EIX) einen eigenen Handelsplatz und gibt an, die Anforderungen schon seit März 2024 ohne PFOF zu erfüllen.
Für Direkthandelsplätze wie Tradegate bedeutet die Reform vor allem mehr Transparenz beim Thema Ausführungsqualität. Da Broker künftig nicht mehr für die Orderweiterleitung bezahlt werden dürfen, rückt der tatsächlich erzielte Kurs stärker in den Fokus. Ob und wie sich die Ordergebühren einzelner Anbieter dadurch ändern, ist noch offen. Trade Republic hat zuletzt signalisiert, an der bekannten 1-Euro-Pauschale festhalten zu wollen. Anleger sollten die Konditionen ihres Brokers in der zweiten Jahreshälfte 2026 im Blick behalten.
Sicherheit und Orderzusätze
Beide Handelsplätze sind regulierte Börsen und unterliegen der Aufsicht. Das Argument, der Direkthandel sei grundsätzlich unsicherer, trifft auf die regulierte Tradegate Exchange so nicht zu. Der relevante Unterschied liegt in der Liquidität zu Randzeiten, nicht in der Seriosität des Platzes.
Orderzusätze wie Limit oder Stop-Loss lassen sich an beiden Plätzen nutzen. Gerade bei Tradegate-Handel außerhalb der Xetra-Zeiten gilt aber: Ein Limit ohne Kursober- oder -untergrenze (also eine reine Market-Order) kann in dünnen Phasen zu einem ungünstigen Kurs ausgeführt werden. Wer abends oder früh morgens handelt, sollte daher mit Limit-Orders arbeiten, um sich gegen Ausreißer abzusichern.
ETF-Sparpläne laufen oft über Tradegate
Bei einem ETF-Sparplan bestimmt der Broker, über welchen Handelsplatz ausgeführt wird. Viele Broker nutzen dafür Tradegate, weil die Ausführung dort für standardisierte Sparpläne kostengünstig und liquide ist. Die Consorsbank etwa wechselte vor einigen Jahren von der Börse München zu Tradegate, nachdem Anleger geringe Liquidität und hohe Spreads beklagt hatten. Sparplan-Ausführungen finden typischerweise am Vormittag statt, wenn Xetra bereits geöffnet ist und die Spreads eng sind. Mehr dazu in unserem Beitrag zur Sparplan-Ausführung und den Börsenplätzen.
Fazit: Wann welcher Handelsplatz?
Eine pauschale Antwort gibt es nicht, aber klare Faustregeln:
- Xetra ist die erste Wahl für größere Orders, weniger liquide oder ausländische ETFs und immer dann, wenn maximale Liquidität und enge Spreads wichtig sind. Beste Zeit: während der Kernhandelszeit.
- Tradegate punktet mit langen Handelszeiten von rund 8:00 bis 22:00 Uhr und ist ideal für berufstätige Anleger sowie für gängige, große ETFs. Zu Randzeiten sollte man die Spreads im Auge behalten und mit Limit-Orders arbeiten.
- Für die meisten Sparplan-Anleger spielt die Wahl ohnehin eine untergeordnete Rolle, weil der Broker den Platz vorgibt und am liquiden Vormittag ausführt.
Das PFOF-Verbot ab Juli 2026 ändert nichts an der grundsätzlichen Logik, macht die Ausführungsqualität aber transparenter. Wer ohnehin auf einen seriösen Broker mit fairer Preisstellung setzt, muss sich keine Sorgen machen. Für die neuesten Entwicklungen lohnt ein Blick in unsere aktuellen Kurznachrichten.
Weiterlesen:
- Sparpläne: Wann und bei welchen Börsenplätzen sie ausgeführt werden
- Außerbörslicher Handel: Vorteile für private Anleger?
- Welche ETFs kaufen? 3 ETFs für Einsteiger
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