Sind ETFs tatsächlich besser als Immobilien?
Betongold gilt für viele Anleger traditionell als attraktive Möglichkeit, um Vermögen aufzubauen und passive Einkommensströme zu erzielen. Insbesondere Immobilien in gefragten Lagen versprachen in der Vergangenheit oft ansehnliche Renditen. Doch die Frage „ETF oder Immobilie?“ lässt sich nicht pauschal beantworten. Beide Anlageklassen haben klare Stärken und Schwächen – und welche zu Ihnen passt, hängt von Kapital, Zeit, Risikobereitschaft und persönlichen Zielen ab. Dieser Artikel liefert einen ehrlichen Vergleich statt eines Pauschalurteils. (Stand: Juli 2026)
Der Ausgangspunkt 2026: Zinsen, die beide Seiten betreffen
Die Marktbedingungen im Jahr 2026 prägen die Entscheidung stärker als in den Nullzinsjahren. Im Juni 2026 hat die Europäische Zentralbank ihren Einlagesatz erstmals seit 2023 wieder angehoben – auf 2,25 Prozent. Die Bauzinsen für zehnjährige Zinsbindungen liegen im Juli 2026 je nach Bonität und Beleihung etwa zwischen 3,4 und 4,5 Prozent effektiv. Fremdkapital ist damit deutlich teurer als früher, was die Immobilien-Kalkulation direkt betrifft. Gleichzeitig werfen Tagesgeld und Anleihen wieder spürbare Zinsen ab – die risikofreie Alternative ist also messbar geworden. Beides sollten Sie im Hinterkopf behalten, egal wofür Sie sich entscheiden.
Rendite: Was historische Daten wirklich zeigen
Die Attraktivität von Immobilien wird oft mit historischen Daten untermauert. Eine viel zitierte Untersuchung von Prof. Dr. Moritz Schularick (u. a. Universität Bonn) zeigte, dass Wohnimmobilien und Aktien in vielen westlichen Ländern über sehr lange Zeiträume (seit etwa 1870) ähnlich hohe langfristige Gesamtrenditen erzielt haben – jeweils im Bereich von rund 7 Prozent pro Jahr, inklusive Miet- bzw. Dividendenerträgen. Auf lange Sicht nehmen sich beide Anlageklassen also weniger als gedacht.
Für Deutschland fällt der reine Immobilienpreisanstieg seit 1980 mit etwa 4 Prozent pro Jahr moderater aus. Der massive Anstieg nach dem Zweiten Weltkrieg war stark durch Wiederaufbau und knappen Wohnraum geprägt – eine Sondersituation, die sich nicht fortschreiben lässt.
Auf der Aktienseite hat ein breit gestreuter Weltaktienindex wie der MSCI World langfristig durchschnittlich etwa 6 bis 9 Prozent pro Jahr erwirtschaftet (je nach Zeitraum, Währung und ob Dividenden eingerechnet sind; nominal, vor Steuern). Für die eigene Planung ist eine konservative Annahme von rund 6 Prozent sinnvoll. Wichtig: Diese Werte sind Vergangenheitsdaten und keine Garantie für die Zukunft.
Bei der Immobilie kommt zur reinen Wertsteigerung die laufende Mietrendite. Die Brutto-Mietrendite (Jahreskaltmiete im Verhältnis zum Kaufpreis inklusive Nebenkosten) liegt in Deutschland oft nur bei 2 bis 4 Prozent, stark abhängig von Lage und Zustand. Von diesen Einnahmen gehen nicht umlagefähige Betriebskosten, Verwaltung, Instandhaltungsrücklagen, Steuern sowie Zins und Tilgung ab. Insbesondere bei älteren Objekten können Kosten für energetische Sanierung die Netto-Rendite erheblich schmälern.
Aufwand: Der oft unterschätzte Faktor
Ein direktes Immobilieninvestment ist mit erheblichem Aufwand verbunden: Objektsuche, Besichtigungen, Verhandlungen, Prüfung der Bausubstanz und die Einschätzung zukünftiger Kosten erfordern Zeit und Fachwissen. Im Bestand kommen laufend Mietersuche, Nebenkostenabrechnung, Reparaturen und Verwaltung hinzu. Der Begriff „passives Einkommen“ ist hier oft irreführend – Vermietung ist Arbeit oder kostet eine Hausverwaltung (üblicherweise 20 bis 30 Euro pro Wohneinheit und Monat), was die Rendite weiter drückt.
Ein ETF-Sparplan ist dagegen weitgehend passiv. Nach der Einrichtung läuft er automatisch; eine gelegentliche Überprüfung des Portfolios genügt meist. Wer den Zeitaufwand realistisch einpreist, verschiebt die Rechnung spürbar zugunsten des ETF.
Diversifikation vs. Klumpenrisiko
Beim Direktinvestment besteht ein erhebliches Klumpenrisiko: Ein Großteil des Kapitals steckt in einem einzigen Objekt an einem einzigen Standort. Negative Entwicklungen vor Ort (wirtschaftlicher Abschwung, demografischer Wandel) oder objektspezifische Probleme (Bauschäden, schwierige Mieter) können Wert und Rendite massiv beeinträchtigen.
Ein ETF streut dagegen breit – ein Aktien-ETF über Tausende Unternehmen weltweit, ein Immobilien-ETF über Dutzende bis Hunderte börsennotierte Immobilienunternehmen und REITs aus verschiedenen Ländern und Sektoren (Wohnen, Büro, Logistik, Einzelhandel). Diese Diversifikation reduziert das Risiko, dass ein einzelner Markt das gesamte Investment gefährdet. Wichtig zu wissen: Ein Immobilien-ETF ist kein Ersatz für „echtes“ Immobilieneigentum – er verhält sich eher wie eine Aktie und schwankt entsprechend an der Börse.
Der Hebel: Der größte Vorteil der Immobilie
Hier liegt die eigentliche Stärke der Immobilie: der Fremdkapital-Hebel. Für ein Direktinvestment leihen Banken einen Großteil des Kaufpreises – abgesichert durch das Objekt selbst. Steigt der Immobilienwert, bezieht sich die Rendite auf den gesamten Kaufpreis, obwohl Sie nur einen Teil (Eigenkapital) selbst eingebracht haben. Das kann die Eigenkapitalrendite deutlich erhöhen.
Für ETFs bekommen Sie in der Praxis keine vergleichbare Finanzierung zu diesen Konditionen – einen Wertpapierkredit gibt es zwar, aber teurer und mit Nachschusspflicht. Der Hebel wirkt allerdings in beide Richtungen: Fällt der Wert oder stehen bei Anschlussfinanzierung höhere Zinsen an, verstärkt der Kredit auch die Verluste. Gerade im Zinsumfeld 2026 mit Bauzinsen um 3,5 bis 4,5 Prozent muss die Miet- und Wertsteigerungsrendite diese Finanzierungskosten erst einmal übertreffen, damit sich der Hebel lohnt.
Liquidität: Der größte Vorteil des ETF
ETF-Anteile lassen sich an jedem Börsentag mit wenigen Klicks kaufen und verkaufen. Der Verkauf einer Immobilie dagegen ist ein langwieriger Prozess, der Monate dauern kann, und im Zweifel lässt sie sich nicht kurzfristig zu einem fairen Preis veräußern (Illiquiditätsrisiko). Zudem ist ein ETF teilbar – Sie können 3.000 Euro entnehmen und den Rest investiert lassen. Eine Immobilie können Sie nicht „zu einem Fünftel“ verkaufen.
Damit verbunden ist der Kapitalbedarf: Ein ETF-Sparplan startet ab kleinen Beträgen wie 25 oder 50 Euro monatlich. Der Immobilienkauf erfordert erhebliches Eigenkapital – üblicherweise mindestens die Kaufnebenkosten plus einen Eigenkapitalanteil, was schnell einen fünf- bis sechsstelligen Betrag bedeutet.
Steuern: Ein Punkt für die Immobilie – unter Bedingungen
Steuerlich hat die Immobilie ein starkes Argument: Wird eine privat gehaltene Immobilie nach mehr als zehn Jahren verkauft, ist der Veräußerungsgewinn einkommensteuerfrei (Spekulationsfrist nach § 23 EStG). Die Frist beginnt mit dem notariellen Kaufvertrag. Bei durchgehender Eigennutzung im Verkaufsjahr und den beiden Vorjahren entfällt die Steuer sogar unabhängig von der Zehnjahresfrist. Achtung: Wird der Verkauf als gewerblicher Immobilienhandel eingestuft (Faustregel „Drei-Objekt-Grenze“), fällt diese Steuerfreiheit weg. Laufende Mieteinnahmen bleiben in jedem Fall einkommensteuerpflichtig.
ETF-Gewinne unterliegen dagegen dauerhaft der Abgeltungsteuer von 25 Prozent plus Solidaritätszuschlag (effektiv rund 26,375 Prozent, zzgl. ggf. Kirchensteuer) – auch nach zehn Jahren. Es gibt aber Entlastungen: Bei Aktien-ETFs sind dank der Teilfreistellung 30 Prozent der Erträge steuerfrei, und der Sparerpauschbetrag von 1.000 Euro (2.000 Euro bei Zusammenveranlagung) bleibt jährlich unversteuert. Zu beachten ist zudem die jährliche Vorabpauschale: Der dafür maßgebliche Basiszins beträgt für 2026 3,20 Prozent (2025: 2,53 Prozent). Sie wird auf spätere Verkaufsgewinne angerechnet, es ist also keine Doppelbesteuerung.
Unterm Strich: Bei langer Haltedauer und deutlicher Wertsteigerung kann die Steuerfreiheit der Immobilie einen echten Vorteil bedeuten. Der ETF gleicht das teilweise über Teilfreistellung, Freibetrag und niedrigere laufende Kosten aus.
Kaufnebenkosten und laufende Kosten
Der Immobilienkauf verursacht erhebliche Nebenkosten, die sofort fällig und meist nicht kreditfinanzierbar sind: Grunderwerbsteuer (je nach Bundesland 3,5 bis 6,5 Prozent), Notar- und Grundbuchgebühren (rund 1,5 bis 2 Prozent) sowie gegebenenfalls Maklerprovision. In Summe sind das schnell 10 bis 15 Prozent des Kaufpreises – verlorenes Geld, das die Wertsteigerung erst wieder aufholen muss. Details dazu im Ratgeber Immobilie mieten oder kaufen. Hinzu kommen laufend Grundsteuer, Versicherungen, Verwaltung, Hausgeld und Instandhaltungsrücklagen.
Beim ETF sind die Kosten gering: Die laufende Gesamtkostenquote (TER) von Immobilien-ETFs liegt meist zwischen 0,25 und 0,6 Prozent pro Jahr, breite Aktien-ETFs sind noch günstiger. Die Transaktionskosten über einen Online-Broker sind niedrig, viele bieten kostenlose Sparpläne an.
Hinweis: Bekannte Immobilien-ETFs für Anleger in Deutschland sind beispielsweise der iShares Developed Markets Property Yield UCITS ETF (ISIN IE00B1FZS350, TER 0,59 % p. a., Index FTSE EPRA/NAREIT Developed Dividend+), der VanEck Global Real Estate UCITS ETF (ISIN NL0009690239, TER 0,25 % p. a., Index GPR Global 100) oder der CSIF (IE) FTSE EPRA Nareit Developed Green Blue UCITS ETF (ISIN IE00BMDX0K95, TER 0,25 % p. a.). Alle drei investieren global gestreut in Immobilienaktien und REITs. (Kennzahlen laut justETF und Emittent, Stand Juli 2026 – bitte vor dem Kauf tagesaktuell prüfen.) Achten Sie auf Indexabbildung, Fondsvolumen, TER und die Ertragsverwendung (ausschüttend oder thesaurierend).
Woran Sie bei einem direkten Immobilien-Investment denken sollten
Wenn Sie trotz des Aufwands ein direktes Investment erwägen, prüfen Sie sorgfältig:
- Lage: Analysieren Sie Makro- (Wirtschaftsregion, Demografie) und Mikrolage (Anbindung, Infrastruktur, Nachbarschaft). Hohe Preise in Top-Lagen sind keine Renditegarantie, wenn die Mieten nicht mithalten.
- Nutzung: Eigennutzung spart Miete, bindet aber Kapital. Vermietung generiert Einnahmen, birgt aber Risiken (Mietausfall, Leerstand) und Verwaltungsaufwand.
- Finanzierung: Wie hoch ist Ihr Eigenkapital? Vergleichen Sie Kreditkonditionen sorgfältig – im Zinsumfeld 2026 entscheidet die Anschlussfinanzierung mit über die Gesamtrendite.
- Kosten und Risiken: Kalkulieren Sie realistisch mit Kaufnebenkosten, laufenden Kosten und Rücklagen – und unterschätzen Sie nicht das Risiko von Leerstand oder unerwarteten Reparaturen.
Wer die Preisdynamik der letzten Jahre einordnen will, findet im Beitrag Platzt die Immobilienblase? eine differenzierte Einschätzung.
Und wenn Sie beim ETF starten wollen
Der Einstieg in einen ETF-Sparplan ist unkompliziert und braucht wenig Kapital. Voraussetzung ist ein Wertpapierdepot bei einem Broker. Vergleichsweise günstige, in Deutschland verbreitete Anbieter sind zum Beispiel Trade Republic und Scalable Capital, die kostenlose oder sehr günstige ETF-Sparpläne anbieten. Achten Sie beim Vergleich auf Sparplan-Gebühren, ETF-Auswahl und Einlagensicherung – und lassen Sie sich nicht allein vom Marketing leiten.
Fazit: Keine Glaubensfrage, sondern eine Frage der Passung
Es gibt kein pauschales „besser“. Beide Wege haben klare Stärken:
- Für die Immobilie sprechen: der Fremdkapital-Hebel, die Steuerfreiheit nach zehn Jahren, der Sachwert- und Inflationsschutz sowie die Möglichkeit der Eigennutzung.
- Für den ETF sprechen: geringer Kapitalbedarf, hohe Liquidität, breite Diversifikation, niedrige Kosten und minimaler Aufwand.
Vereinfacht: Die Immobilie belohnt Kapital, Kreditwürdigkeit und Bereitschaft zur Arbeit – der ETF belohnt Flexibilität, Zeitmangel und den Wunsch nach Streuung. Für viele Anleger ist eine Kombination sinnvoll: ein breit gestreutes ETF-Portfolio als liquides Fundament, ergänzt – je nach Kapital und Lebenssituation – um eine selbstgenutzte oder vermietete Immobilie. Wägen Sie Rendite, Aufwand, Risiko und Ihre persönliche Situation ehrlich ab. Bei größeren Beträgen kann unabhängiger, nicht provisionsgebundener Finanz- und Steuerrat helfen.
Transparenzhinweis: Einige Links in diesem Artikel sind Empfehlungslinks (Affiliate-Links). Nutzt du sie für einen Depoteröffnung oder Kauf, erhalten wir ggf. eine Provision. Für dich entstehen dadurch keine Mehrkosten. Dieser Beitrag stellt keine Anlageberatung dar. Angaben ohne Gewähr, Stand: Juli 2026.
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