Mit Factor Investing eine höhere Rendite bei ETFs erzielen?
factorfactor investingDr. Gerd Kommersmall capmomentumvalue
Investierst Du in ETFs, geht es darum, eine möglichst hohe Rendite zu erzielen. Mit Factor Investing kannst Du auf renditebestimmende Faktoren schauen und einen ETF danach auswählen. Das ermöglicht eine breite Streuung und eine höhere risikobereinigte Rendite für das Portfolio.
Factor Investing, oft auch Smart Beta genannt, verspricht eine höhere risikobereinigte Rendite als ein klassischer, nach Börsenwert gewichteter Index wie der MSCI World. Dieser Beitrag erklärt, wie du Factor Investing praktisch in deinem Portfolio umsetzt, welche Faktoren es gibt und warum die versprochene Zusatzrendite alles andere als sicher ist. Stand: Juli 2026.
Was ist Factor Investing?
Beim Factor Investing werden Aktien nicht einfach nach ihrer Marktkapitalisierung gewichtet, sondern gezielt nach messbaren Merkmalen ausgewählt, sogenannten Faktoren. Diese Faktoren gelten in der Kapitalmarktforschung als statistisch identifizierbare Treiber von Risiko und Rendite. Die Idee dahinter: Wer diese Merkmale konsequent übergewichtet, kann über sehr lange Zeiträume eine Zusatzrendite gegenüber dem Gesamtmarkt erzielen, die sogenannte Faktorprämie.
Umgesetzt wird das über Smart-Beta-ETFs beziehungsweise Faktor-ETFs. Sie bilden speziell konstruierte Indizes ab und funktionieren im Alltag genau wie jeder andere ETF: kaufen, halten, bei Bedarf besparen. Wenn du generell noch neu im Thema bist, hilft dir unser ETF-Ratgeber mit kompaktem Einstiegswissen weiter.
Bekannt gemacht hat den systematischen Faktoransatz im deutschsprachigen Raum unter anderem der Finanzexperte Dr. Gerd Kommer, Autor von "Souverän investieren mit Indexfonds & ETFs". Er spricht bewusst von Faktorprämien, weil Anleger für das Eingehen eines bestimmten, nicht wegdiversifizierbaren Risikos über die Zeit entschädigt werden sollen.
Die wichtigsten Faktoren im Überblick
In der Wissenschaft am besten dokumentiert sind fünf Faktoren:
- Value: günstig bewertete Substanzwerte, gemessen etwa am Kurs-Buchwert- oder Kurs-Gewinn-Verhältnis.
- Momentum: Aktien, die zuletzt überdurchschnittlich gestiegen sind, in der Annahme, dass der Trend eine Weile anhält.
- Quality: Unternehmen mit solider Bilanz, hoher Eigenkapitalrendite, stabilem Gewinnwachstum und geringer Verschuldung.
- Size: kleinere und mittlere Unternehmen, die langfristig höhere Renditen abwerfen sollen als große Konzerne, bei höheren Schwankungen.
- Low Volatility: besonders schwankungsarme Aktien, die in Krisen tendenziell weniger stark fallen.
Ein Multifaktor-ETF kombiniert mehrere dieser Faktoren in einem Produkt. Eine ausführliche Gegenüberstellung aller Faktoren inklusive konkreter ISIN, TER und Besonderheiten findest du in unserem vertiefenden Beitrag Factor-ETFs: Value, Growth, Momentum & mehr im Vergleich. Dort geht es um die einzelnen Faktoren im Detail, hier auf dieser Seite um die praktische Umsetzung im Portfolio.
Ehrlich gesagt: Die Faktorprämie ist nicht garantiert
Bevor du investierst, solltest du eines verinnerlichen: Faktorprämien sind historisch belegt, aber sie sind keine Garantie. Einzelne Faktoren können über viele Jahre, teils über ein ganzes Jahrzehnt, schlechter laufen als der breite Markt. Der Value-Faktor ist dafür das bekannteste Beispiel. Nach der Finanzkrise 2008 schnitten Substanzwerte über rund ein Jahrzehnt deutlich schwächer ab als Wachstumsaktien, bevor sie wieder anzogen.
Wer in Faktor-ETFs investiert, braucht deshalb einen langen Atem und Nervenstärke. Wer während einer langen Durststrecke die Geduld verliert und ausgerechnet am Tiefpunkt verkauft, macht aus einem theoretischen Vorteil einen realen Verlust. Hinzu kommt: Faktor-ETFs sind mit typischerweise 0,25 bis 0,30 Prozent pro Jahr teurer als ein simpler MSCI-World-ETF, der heute schon für rund 0,10 bis 0,20 Prozent zu haben ist. Diese Mehrkosten musst du erst durch die Prämie wieder verdienen.
Faktoren laufen zu unterschiedlichen Zeiten
Ein zentraler Punkt beim Factor Investing: Die einzelnen Faktoren sind zyklisch und laufen selten gleichzeitig gut. Wenn Value schwächelt, kann Momentum oder Quality vorne liegen, und umgekehrt. Diese geringe Korrelation ist gleichzeitig Chance und Herausforderung. Sie kann das Risiko im Portfolio senken, verlangt aber, dass du deine Faktoren über verschiedene Marktphasen konsequent durchhältst, statt jeweils dem Faktor mit der besten Rendite der letzten zwei bis drei Jahre hinterherzulaufen.
Genau dieses Hinterherlaufen, das sogenannte Factor Timing, ist in der Praxis extrem schwer und misslingt den meisten Anlegern. Wer glaubt, den nächsten starken Faktor vorhersagen zu können, unterschätzt regelmäßig, wie unberechenbar die Wechsel sind.
Zwei konkrete Faktor-ETFs im Detail
Zur Veranschaulichung schauen wir uns zwei populäre Einzelfaktor-ETFs von Xtrackers an, die jeweils einen breiten Weltaktienindex nach einem Faktor filtern.
Xtrackers MSCI World Momentum UCITS ETF 1C (ISIN IE00BL25JP72, WKN A1103G)
Dieser ETF bildet den MSCI World Momentum Index ab und enthält Aktien aus Industrieländern, die sich zuletzt durch ein hohes Kursmomentum ausgezeichnet haben. Die Gesamtkostenquote (TER) liegt bei 0,25 Prozent pro Jahr, das Fondsvolumen bei rund 2,0 Milliarden Euro (Stand: Juli 2026). Der Fonds repliziert physisch (vollständige Replikation), ist thesaurierend und wurde im September 2014 aufgelegt. Momentum-Strategien können nach Trendwechseln kräftig einbrechen, weil sie den zuvor teuer gekauften Gewinnern hinterherlaufen.
Xtrackers MSCI World Quality UCITS ETF 1C (ISIN IE00BL25JL35, WKN A1103D)
Dieser ETF folgt dem MSCI World Sector Neutral Quality Index und wählt Unternehmen nach drei gleich gewichteten Kriterien aus:
- hohe Eigenkapitalrendite
- stabiles Gewinnwachstum
- geringer Verschuldungsgrad
Die TER beträgt ebenfalls 0,25 Prozent pro Jahr, das Fondsvolumen liegt bei rund 2,7 Milliarden Euro (Stand: Juli 2026). Auch dieser Fonds repliziert physisch (vollständige Replikation), ist thesaurierend und wurde im September 2014 aufgelegt. Der Quality-Faktor gilt als vergleichsweise defensiv und schlägt sich in unruhigen Phasen oft solide.
So setzt du Factor Investing im Portfolio um
Für die meisten Anlegerinnen und Anleger ist ein breit gestreuter Standard-ETF die einfachere und günstigere Basis. Faktor-ETFs eignen sich vor allem als Beimischung nach dem Core-Satellite-Prinzip: Den Kern (Core) bildet ein günstiger Welt-ETF, drumherum ergänzt du gezielt einzelne Faktoren als Satelliten. So bleibst du breit investiert und setzt trotzdem einen bewussten Akzent.
Alternativ kannst du auf einen Multifaktor-ETF setzen, der mehrere Faktoren in einem Produkt bündelt und dir das Kombinieren abnimmt. Wer die Faktorgewichtung lieber ganz aus der Hand gibt, findet in unserem Robo-Advisor-Vergleich automatisierte Lösungen, die teils faktorbasiert anlegen. Wie ein klassisches, breit gestreutes Weltportfolio als Basis aussehen kann, zeigen wir dir ebenfalls im Detail.
Faktor-ETF kaufen oder besparen
Faktor-ETFs lassen sich wie jeder andere ETF über ein Wertpapierdepot kaufen, viele auch per kostenlosem oder günstigem Sparplan. Wichtig ist, vorab die ISIN zu prüfen, denn die Produktnamen ähneln sich stark. Bei Neobrokern wie Trade Republic oder Scalable Capital findest du die meisten der hier genannten ETFs und kannst sie oft schon ab kleinen Sparraten besparen. Achte beim Vergleich nicht nur auf die TER, sondern auch auf Ausführungskosten und Sparplanverfügbarkeit. Eine Übersicht liefert unser Online-Broker-Vergleich.
Fazit
Factor Investing ist kein Renditeturbo auf Knopfdruck. Die Faktorprämien sind historisch belegt, können aber über Jahre ausbleiben, und die höheren Kosten wollen erst verdient werden. Als bewusste, langfristig durchgehaltene Beimischung zu einem breiten Welt-ETF kann Factor Investing sinnvoll sein, wenn du die Strategie verstehst, an sie glaubst und mindestens zehn bis fünfzehn Jahre Zeit mitbringst. Wer dagegen Faktoren je nach kurzfristiger Wertentwicklung wechselt, verschenkt den Vorteil meist wieder. Bleib beim einmal eingeschlagenen Kurs.
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