Wie FinTechs den Banken mehr und mehr Geschäftsbereiche streitig machen
Stand: Juli 2026. Vor 20 Jahren dominierten klassische Banken das Finanzgeschäft nahezu konkurrenzlos. Heute sieht das anders aus: Neobroker, Neobanken, Zahlungsdienste und Robo-Advisor haben ganze Geschäftsbereiche der etablierten Institute übernommen. Aus einer Ansammlung kleiner Start-ups ist eine Branche mit profitablen Milliardenkonzernen geworden. In diesem Beitrag ordnen wir ein, wo Fintechs den Banken 2026 tatsächlich Marktanteile abgenommen haben, was die jüngste Marktkonsolidierung und das EU-weite Provisionsverbot bedeuten und wie du als Anleger davon profitieren kannst.
Vom Start-up zum profitablen Konzern: der Reifegrad-Sprung
Die entscheidende Entwicklung der vergangenen Jahre ist der Wandel vom wachstumsgetriebenen Start-up zum profitablen Unternehmen. Lange galt: Fintechs wachsen schnell, verbrennen aber Geld. Das hat sich gedreht.
- Die Berliner Neobank N26 hat 2025 erstmals ein vollständiges Geschäftsjahr mit Gewinn abgeschlossen (Konzernüberschuss rund 1,6 Millionen Euro). Im ersten Quartal 2026 lag der Überschuss bereits bei 9,8 Millionen Euro, die Kundeneinlagen überschritten 10,5 Milliarden Euro, und die Zahl der ertragsrelevanten Kunden stieg auf 5,6 Millionen.
- Revolut zählte Anfang 2026 rund 70 Millionen Kunden weltweit und hat diese Marke inzwischen überschritten. Für das Geschäftsjahr 2025 meldete das Unternehmen einen Gewinn von etwa 2,3 Milliarden US-Dollar; die Bewertung wurde Ende 2025 mit rund 75 Milliarden US-Dollar angesetzt.
- Beim Neobroker Trade Republic übersprang die Kundenzahl 2026 die Marke von 10 Millionen bei rund 150 Milliarden Euro verwahrtem Vermögen in 18 europäischen Märkten.
Diese Zahlen zeigen: Fintechs sind keine Nische mehr, sondern feste Größen im europäischen Finanzsystem. Genau das macht sie für die etablierten Banken so unangenehm.
Neobroker: günstiger Zugang zur Börse
Am sichtbarsten ist die Disruption bei der Geldanlage. Neobroker wie Trade Republic und Scalable Capital haben den Wertpapierhandel demokratisiert: kostenlose oder sehr günstige ETF-Sparpläne, eine aufgeräumte App und niedrige Ordergebühren, wo klassische Direktbanken früher mehrere Euro pro Trade verlangten.
Beide Anbieter sind erwachsen geworden und agieren heute als lizenzierte Banken. Scalable Capital hält seit September 2025 eine EZB-Vollbanklizenz und betreibt mit der EIX (gestartet im Dezember 2024, gemeinsam mit der Börse Hannover) einen eigenen Handelsplatz. Trade Republic hat sein Geschäftsmodell ebenfalls verbreitert und tritt zunehmend als Vollbank mit Girokonto, Karte und Krediten auf.
Auch beim Thema Zinsen konkurrieren die Neobroker inzwischen direkt mit Tagesgeldangeboten der Banken. Scalable Capital verzinst Guthaben mit 2,50 Prozent pro Jahr, Trade Republic hob den Zins zum 17. Juni 2026 auf 2,25 Prozent an, ohne Obergrenze für den verzinsten Betrag. Die konkreten Konditionen ändern sich jedoch häufig. Prüfe daher vor Kontoeröffnung immer die tagesaktuellen Angaben auf der jeweiligen Anbieterseite und achte auf die Einlagensicherung.
Wie ein ETF-Sparplan bei Trade Republic konkret funktioniert, erklären wir ausführlich in diesem Ratgeber. Wer strukturiert anlegen möchte, findet außerdem eine Einführung in die Core-Satellite-Strategie mit ETFs.
Das PFOF-Verbot: Wendepunkt für das Geschäftsmodell
Ein zentraler Einschnitt betrifft die Erlösquelle vieler Neobroker. Seit dem 1. Juli 2026 ist in der gesamten EU das sogenannte Payment for Order Flow (PFOF) verboten. Bisher durften Broker Rückvergütungen von Handelsplätzen dafür kassieren, dass sie ihnen Kundenorders zuleiteten. Genau daraus finanzierten viele Anbieter ihre günstigen oder kostenlosen Trades.
Die großen deutschen Neobroker hatten sich darauf vorbereitet: Scalable Capital verdient über die Spanne (den Spread) auf dem eigenen Handelsplatz, Trade Republic betreibt seit Anfang 2026 ein eigenes Handelssystem (MTF) und stützt sich zusätzlich auf Zinserträge, Karten und Premium-Abonnements. Für Anleger bedeutet das: Ob der Handel teurer wird, lässt sich nicht pauschal sagen. Wichtig ist, die Gesamtkosten aus Ordergebühren und Spread transparent im Blick zu behalten, statt nur auf die beworbene Gebühr von null Euro zu schauen.
Neobanken und Zahlungsdienste
Neben dem Wertpapiergeschäft greifen Fintechs die Banken beim klassischen Girokonto und im Zahlungsverkehr an. Neobanken wie N26 und Revolut bieten Konto, Karte, Auslandszahlungen und teils Trading-Funktionen in einer App, häufig ohne Filiale und mit niedrigeren Gebühren. Ihr wachsender Kundenstamm und die erreichte Profitabilität zeigen, dass sich dieses Modell trägt.
Im Hintergrund hat sich zudem Embedded Finance etabliert: Finanzdienstleistungen werden direkt in die Plattformen von Handels- und Technologieunternehmen integriert, etwa Bezahlfunktionen oder Ratenkäufe im Online-Shop. Der Kunde nimmt die dahinterliegende Bank oft gar nicht mehr wahr.
Robo-Advisor: automatisierte Geldanlage
Robo-Advisor verwalten Depots regelbasiert und weitgehend automatisiert. Sie stellen aus ETFs ein Portfolio zusammen, das zum Risikoprofil des Anlegers passt, und schichten es bei Bedarf um. Für Einsteiger ohne Zeit oder Lust auf die eigene Titelauswahl ist das eine kostengünstige Alternative zur teuren Vermögensverwaltung der Banken. Wichtig ist ein nüchterner Blick auf die laufenden Kosten, denn Servicegebühr plus ETF-Kosten schmälern die Rendite über die Jahre spürbar.
Als Anleger von der Fintech-Welle profitieren
Für dich als Anleger gibt es zwei Wege, an dieser Entwicklung teilzuhaben.
1. Die Werkzeuge nutzen. Der einfachste Weg ist, die günstigen Werkzeuge der Fintechs selbst einzusetzen, etwa einen ETF-Sparplan bei einem Neobroker wie Trade Republic oder Scalable Capital. Der Kostenvorteil gegenüber der klassischen Filialbank fließt so direkt in deine Rendite.
2. In den Sektor investieren. Wer gezielt auf das Wachstum der Branche setzen möchte, kann das über einen breit gestreuten Fintech-ETF tun. Für europäische Anleger bietet sich der UCITS-konforme Global X FinTech UCITS ETF an (ISIN IE00BLCHJZ35, WKN A2QPBZ, thesaurierend, TER 0,60 Prozent p. a.), der den Indxx Global Fintech Thematic Index abbildet und weltweit Unternehmen aus der Finanztechnologie bündelt. In den USA sind der passive Global X FinTech ETF (FINX) und der aktiv gemanagte ARK Blockchain & Fintech Innovation ETF (ARKF) verbreitet, die für UCITS-Anleger aber in der Regel nicht direkt handelbar sind.
Wichtiger Risikohinweis: Thematische Branchen-ETFs sind deutlich schwankungsanfälliger und stärker konzentriert als ein breiter Weltindex wie der MSCI World. Fintech-Aktien reagieren empfindlich auf Zinsen, Regulierung und Bewertungskorrekturen; Kursverluste von 30 Prozent und mehr in einzelnen Jahren sind bei solchen Themenfonds keine Seltenheit. Ein Fintech-ETF eignet sich daher eher als kleine Beimischung (Satellite) zu einem breiten Basisinvestment, nicht als alleiniger Depotkern. Vergangene Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die Zukunft.
Fazit
Fintechs haben den Banken 2026 in gleich mehreren Bereichen dauerhaft Marktanteile abgenommen: beim Wertpapierhandel über Neobroker, beim Girokonto und Zahlungsverkehr über Neobanken und bei der Vermögensverwaltung über Robo-Advisor. Der Reifegrad-Sprung zur Profitabilität und das EU-weite PFOF-Verbot markieren dabei das Ende der reinen Wachstumsphase und den Beginn eines härteren, konsolidierten Wettbewerbs. Für Privatanleger ist das eine gute Nachricht: günstigere Konditionen, mehr Zinsen aufs Guthaben und ein einfacher Zugang zur Börse. Wer zusätzlich auf das Wachstum der Branche setzen will, kann dies mit Augenmaß über einen Fintech-ETF tun, sollte aber die erhöhten Risiken einer solchen Sektorwette kennen.
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