ETF auf Kredit kaufen: Ja oder nein?
ETFs werden seit einigen Jahren immer dann von Finanzexperten als Anlageinstrument ins Feld geführt, wenn es um langfristigen Vermögensaufbau geht.
ETFs gelten als Instrument für den langfristigen, ruhigen Vermögensaufbau. Der MSCI World erzielte über lange Zeiträume im Schnitt rund 7 bis 8 Prozent pro Jahr. Da liegt eine Idee nahe: Warum nicht mehr investieren, als man selbst hat, und den Rest über einen Kredit finanzieren? Der Hebel verspricht höhere Gewinne. Er verstärkt aber genauso die Verluste. Dieser Beitrag erklärt, wie ETFs auf Kredit funktionieren, was ein Wertpapierkredit 2026 kostet und warum diese Strategie für die allermeisten Anleger ungeeignet ist.
Das Wichtigste in Kürze
- Ein Kredit auf ETFs ist ein Hebel: Er vergrößert Gewinne und Verluste. In einem Crash kann er zum Totalverlust plus Restschuld führen.
- Fällt der Depotwert unter die Beleihungsgrenze, droht eine Nachschussaufforderung (Margin Call) oder der Zwangsverkauf deiner Anteile im ungünstigsten Moment.
- Wertpapierkredite (Lombardkredite) kosten 2026 je nach Anbieter grob 3 bis 8 Prozent Zinsen p.a. Diese Kosten musst du erst einmal verdienen.
- Für den normalen Sparplan-Anleger ist ein ETF-Kauf auf Kredit nicht sinnvoll. Wenn überhaupt, kommt er nur für erfahrene Anleger mit dickem Puffer infrage.
Stand: Juli 2026
Wie funktioniert der Kauf von ETFs auf Kredit?
Beim kreditfinanzierten Kauf leihst du dir Geld, um mehr Fondsanteile zu erwerben, als dein eigenes Kapital hergibt. Steigt der Kurs, verdienst du an einem größeren Volumen. Fällt er, verlierst du ebenfalls an einem größeren Volumen, schuldest aber weiterhin den vollen Kreditbetrag samt Zinsen. Genau das ist der Hebel: Er wirkt in beide Richtungen.
Ein einfaches Beispiel. Du hast 10.000 Euro und leihst dir 10.000 Euro dazu, investierst also 20.000 Euro. Steigt der ETF um 20 Prozent, hast du 4.000 Euro Kursgewinn statt 2.000 Euro, also eine Rendite von 40 Prozent auf dein eigenes Kapital (vor Zinsen und Steuern). Fällt der ETF aber um 20 Prozent, verlierst du 4.000 Euro, das sind 40 Prozent deines Eigenkapitals. Bei einem Minus von 50 Prozent, wie es in schweren Krisen vorkommt, ist dein Eigenkapital rechnerisch aufgebraucht, und die Schuld bleibt.
Wertpapierkredit statt Konsumentenkredit
Für ETFs kommt praktisch nur der Wertpapierkredit (auch Lombardkredit genannt) infrage, kein klassischer Ratenkredit. Der Wertpapierkredit ist durch dein Depot besichert, dadurch fallen die Zinsen deutlich niedriger aus als bei einem unbesicherten Konsumentenkredit. Nennst du bei einer Bank als Verwendungszweck den Wertpapierkauf, lehnen viele einen normalen Ratenkredit ohnehin ab.
Die Höhe des Kredits hängt vom Wert deines Depots ab, allerdings nur bis zur sogenannten Beleihungsgrenze. Bei einem überwiegend aus ETFs bestehenden Depot sind Beleihungsquoten zwischen 50 und 80 Prozent des Kurswerts realistisch. Der Puffer dazwischen soll Kursschwankungen abfangen. Anders als ein Ratenkredit hat der Lombardkredit meist keinen festen Tilgungsplan: Du zahlst laufend Zinsen und kannst jederzeit flexibel tilgen. Eine Zinsbindung gibt es in der Regel nicht, der Zins ist variabel. Das kann dich bei steigenden Zinsen zusätzlich belasten.
Was ein Wertpapierkredit 2026 kostet
Die Zinsen für Wertpapierkredite sind variabel und orientieren sich meist am Euribor plus einem Aufschlag. Zur Orientierung einige Konditionen im Sommer 2026 (ohne Anspruch auf Vollständigkeit, Konditionen ändern sich laufend):
| Anbieter | Sollzins p.a. (variabel) | Hinweis |
|---|---|---|
| Scalable Capital (Scalable Credit) | ab ca. 3,24 % (PRIME+), sonst ca. 4,24 % | Kreditlinie bis 250.000 €, Beleihung bis 75 % |
| Interactive Brokers (Margin) | ab ca. 3,4 % auf Euro-Beträge (gestaffelt) | für erfahrene Anleger, komplexe Margin-Regeln |
| comdirect | ca. 6,05 % | Effektenkredit |
| Consorsbank | ca. 7,05 % | Wertpapierkredit |
Wer einen Broker mit Lombardkredit sucht, findet mit Scalable Capital einen der günstigeren Anbieter am Markt; wer international breit handelt, schaut sich die Margin-Konditionen von Interactive Brokers an. Wichtig bleibt: Ein günstiger Zins macht den Hebel nicht sicher, er senkt nur einen von mehreren Kostenblöcken.
Wichtig zu wissen: Trade Republic bietet keinen Wertpapierkredit an. Wer dort investiert, kann diese Strategie nicht direkt über die App umsetzen.
💡 Tipp: Der Zins ist nicht die einzige Kostenposition. Rechne immer auch die Abgeltungssteuer auf deine Gewinne (25 Prozent plus Soli, ggf. Kirchensteuer) sowie Transaktionskosten ein. Deine ETF-Rendite muss die Summe aus Zinsen, Steuern und Ordergebühren übersteigen, damit sich der Kredit überhaupt rechnet.
Das zentrale Risiko: Nachschusspflicht und Zwangsverkauf
Das größte Risiko beim Wertpapierkredit ist nicht der Zins, sondern der Margin Call. Sinkt dein Depotwert durch fallende Kurse unter die Beleihungsgrenze, kann die Bank zwei Dinge verlangen: Entweder du schießt kurzfristig zusätzliches Geld oder weitere Wertpapiere nach (Nachschusspflicht), oder die Bank verkauft Teile deines Depots zwangsweise, um den Kredit zu decken.
Das Tückische daran: Der Zwangsverkauf trifft dich genau dann, wenn die Kurse ohnehin gefallen sind. Du realisierst deine Verluste im schlechtesten Moment und kannst an einer anschließenden Erholung nicht mehr teilnehmen. Aus einem Buchverlust wird ein echter, endgültiger Verlust. Wer keinen ausreichenden Puffer hat, um Nachschüsse zu leisten, ist dem Kursverlauf ausgeliefert.
Hinzu kommt: Der ETF selbst trägt nichts zur Tilgung bei, solange keine Ausschüttungen fließen. Bei thesaurierenden Fonds werden Erträge automatisch reinvestiert, du bekommst also keinen Cashflow, aus dem du Zinsen bedienen könntest. Die Zinsen musst du zusätzlich aus deinem laufenden Einkommen aufbringen. Kommen unerwartete Ausgaben dazu, gerätst du schnell unter Druck.
Warum sich Aktienkurse nicht diktieren lassen
Aktienmärkte bewegen sich nicht in eine Richtung. ETFs gleichen zwar einzelne schwache Titel aus, gegen breite Konjunktureinbrüche sind sie aber nicht immun. Der Corona-Crash im Frühjahr 2020 war der schnellste Börsencrash aller Zeiten und erwischte viele Anleger kalt. Wer damals gehebelt war, stand doppelt unter Druck.
Niemand kann Krisen zuverlässig vorhersagen. Genau deshalb ist ein Hebel gefährlich: Er setzt voraus, dass die Märkte in deinem Zeitraum steigen. Bei Seitwärtsphasen oder leichten Rückgängen kostet der Kredit nur Zinsen, ohne dass ein nennenswerter Mehrertrag entsteht. Der versprochene Vorteil verpufft, das Risiko bleibt.
Fazit: Für die meisten ungeeignet
ETFs auf Kredit zu kaufen ist ein zweischneidiges Schwert. Ja, ein Lombardkredit ist flexibel und im Vergleich zum Konsumentenkredit günstig besichert. Und ja, in einer starken Aufwärtsphase kann der Hebel die Rendite auf das Eigenkapital deutlich erhöhen.
Dem steht aber ein handfestes Risiko gegenüber: verstärkte Verluste, Nachschusspflicht, Zwangsverkauf zum ungünstigsten Zeitpunkt, laufende Zinskosten und ein variabler Zins, der jederzeit steigen kann. Für den normalen Sparplan-Anleger, der langfristig und entspannt Vermögen aufbauen möchte, ist der kreditfinanzierte ETF-Kauf daher nicht zu empfehlen.
Wenn überhaupt, kommt die Strategie nur für erfahrene Anleger infrage, die den Hebel verstehen, einen großen finanziellen Puffer für Nachschüsse haben, ihre Steuer- und Zinskosten sauber durchgerechnet haben und mit dem Totalverlust ihres Eigenkapitals leben könnten. Grundvoraussetzung ist in jedem Fall, dass dir sämtliche Risiken bewusst sind, bevor du auch nur einen Euro auf Kredit investierst. Im Zweifel gilt: lieber langsamer mit eigenem Geld aufbauen als schnell mit fremdem.
Transparenzhinweis: Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links. Wenn du über einen dieser Links ein Konto eröffnest, erhalten wir unter Umständen eine Provision. Für dich entstehen dadurch keine Mehrkosten. Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar. Investitionen auf Kredit sind mit erheblichen Risiken bis hin zum Totalverlust verbunden.
Unser Tipp: Bei Scalable Capital kannst Du rund 1700 PRIME ETFs - darunter iShares, Xtrackers und Amundi - von 7:30 bis 23 Uhr gebührenfrei handeln und dauerhaft kostenlos besparen. Monatliche Sparraten schon ab 1 €.