Thesaurierung bei ETFs: So funktioniert es
Investierst Du in einen ETF, kannst Du zwischen ausschüttenden und thesaurierenden Fonds wählen. Thesauriert ein Fonds, wird die Dividende in Fondsvermögen reinvestiert. Du profitierst mit Thesaurierung vom Zinseszins. Thesaurierende Fonds sind daher für den langfristigen Vermögensaufbau geeignet.
Stand: Juni 2026. Dieser Beitrag ist eine allgemeine Information und keine Steuer- oder Anlageberatung. Steuerliche Angaben beziehen sich auf in Deutschland unbeschränkt steuerpflichtige Privatanleger.
Wer einen ETF kauft, trifft fast immer eine Entscheidung, die viele zunächst übersehen: thesaurierend oder ausschüttend. Beide Varianten halten dieselben Aktien oder Anleihen. Der Unterschied liegt darin, was mit den Erträgen passiert, und welche steuerlichen Folgen das hat. Dieser Ratgeber erklärt beides und räumt mit einem hartnäckigen Mythos auf: dass thesaurierende ETFs steuerlich grundsätzlich „besser" seien.
Thesaurierung: Was steckt dahinter?
Thesaurierung bezeichnet die automatische Wiederanlage der Erträge innerhalb eines Fonds oder ETFs. Diese Erträge stammen meist aus Dividenden von Aktien oder Zinsen von Anleihen. Bei einem ausschüttenden ETF werden diese Erträge an dich ausgezahlt, je nach Fonds quartalsweise, halbjährlich oder jährlich. Bei einem thesaurierenden ETF bleiben die Erträge im Fonds und erhöhen dort den Wert deiner Anteile.
Praktisch bedeutet das: Du bekommst keine Dividende auf dein Konto, dafür steigt der Kurs deines ETF-Anteils entsprechend. Dein Vermögen wächst also im Fonds weiter, ohne dass du selbst etwas tun musst.
Der Zinseszinseffekt: der eigentliche Hebel
Der große Reiz der Thesaurierung liegt im Zinseszinseffekt. Reinvestierte Erträge werfen in den Folgejahren selbst wieder Erträge ab. Über lange Zeiträume kann dieser Effekt einen spürbaren Unterschied machen.
Wichtig zur Einordnung: ETFs zahlen keine festen Zinsen wie ein Tagesgeldkonto. Der Effekt ist aber dem Zinseszinseffekt vergleichbar, weil Erträge laufend neu angelegt werden. Entscheidend ist nicht primär, ob ein ETF thesauriert. Entscheidend ist, dass Erträge überhaupt reinvestiert werden. Genau das übernimmt ein thesaurierender ETF automatisch, während du bei einem ausschüttenden ETF die Ausschüttung selbst wieder anlegen müsstest, um denselben Effekt zu erzielen. Mehr Grundlagen findest du in unserem ETF-Ratgeber.
Thesaurierende ETFs im Sparplan
Für einen ETF-Sparplan kannst du beide Varianten wählen. Thesaurierende ETFs sind im Sparplan besonders bequem: Die Erträge wandern automatisch zurück in den Fonds, du musst nichts manuell reinvestieren und sparst dir zusätzliche Order. Viele Online-Broker bieten inzwischen auch eine automatische Wiederanlage von Ausschüttungen an, sodass sich ein ausschüttender ETF im Sparplan ähnlich verhält.
Den Sparplan selbst kannst du bei vielen Brokern kostenlos oder sehr günstig besparen, etwa bei Trade Republic oder Scalable Capital. Prüfe vor dem Start, ob dein Wunsch-ETF dort sparplanfähig ist und welche Ausführungskosten anfallen.
Besteuerung: thesaurierend vs. ausschüttend
Hier sitzt der wichtigste Punkt, und das größte Missverständnis. Bis zur Investmentsteuerreform 2018 konnten thesaurierende Auslandsfonds steuerliche Vorteile durch Stundung bieten: Auf reinvestierte Erträge wurde teils erst beim Verkauf Steuer fällig. Mit der Reform ist dieser Vorteil weggefallen. Thesaurierende ETFs werden seitdem nicht mehr grundsätzlich „besser" gestundet als ausschüttende.
Ausschüttende ETFs
Die Ausschüttung wird im Moment der Auszahlung besteuert. Deine Depotbank führt die Abgeltungsteuer (25 % zzgl. Solidaritätszuschlag, ggf. Kirchensteuer) direkt ab, du bekommst den Nettobetrag gutgeschrieben.
Thesaurierende ETFs und die Vorabpauschale
Weil bei thesaurierenden ETFs kein Geld fließt, greift seit 2018 die sogenannte Vorabpauschale. Sie ist eine jährlich vorab besteuerte Mindest-Wertentwicklung und sorgt dafür, dass auch reinvestierte Erträge laufend versteuert werden. Vereinfacht gilt:
- Basisertrag = Fondswert zu Jahresbeginn × Basiszins × 70 %.
- Der vom Bundesfinanzministerium festgelegte Basiszins beträgt für 2026 3,20 % (2025: 2,53 %).
- Angesetzt wird der niedrigere Wert aus Basisertrag und tatsächlicher Jahres-Wertsteigerung. Ist der ETF im Jahr gefallen, fällt keine Vorabpauschale an.
- Bei einem Aktien-ETF gilt die Teilfreistellung von 30 %: nur 70 % der Vorabpauschale sind steuerpflichtig.
Die fällige Steuer auf die Vorabpauschale wird Anfang des Folgejahres von deinem Verrechnungskonto eingezogen. Beim späteren Verkauf wird die bereits versteuerte Vorabpauschale gegengerechnet, sodass es nicht zu einer Doppelbesteuerung kommt.
Freibetrag richtig nutzen
Vor dem Steuerabzug greift der Sparerpauschbetrag: 1.000 Euro pro Jahr für Einzelpersonen, 2.000 Euro für gemeinsam veranlagte Paare. Mit einem Freistellungsauftrag bei deiner Bank bleibt die Vorabpauschale für viele Sparer in den ersten Jahren komplett steuerfrei, weil der Basisertrag den Freibetrag oft nicht ausschöpft. Bei ausländischen Fonds kann zusätzlich Quellensteuer anfallen, die in der Regel angerechnet wird.
Fazit zur Steuer: Über die gesamte Haltedauer nehmen sich thesaurierende und ausschüttende ETFs steuerlich heute kaum noch etwas. Der Unterschied liegt vor allem im Zeitpunkt der Besteuerung und in der Bequemlichkeit. Wer seine Kapitalerträge sauber dokumentieren will, kann dafür einen Steuerreport nutzen, etwa von Parqet.
Für wen sich thesaurierende ETFs eignen
Thesaurierende ETFs passen gut zu Anlegern in der Aufbauphase, die langfristig Vermögen bilden und nicht auf laufende Auszahlungen angewiesen sind: etwa für die Altersvorsorge, größere Anschaffungen oder den Vermögensaufbau über Jahrzehnte. Tipps zur langfristigen Strategie findest du in unserem ETF-Ratgeber: „Think long-term".
Ausschüttende ETFs sind dagegen interessant, wenn du regelmäßige Erträge möchtest, etwa um in der Entnahmephase ein passives Einkommen zu erzeugen, oder um deinen Sparerpauschbetrag gezielt mit planbaren Ausschüttungen auszuschöpfen.
Thesaurierende ETFs auf nahezu jeden Index
Thesaurierende Varianten gibt es für fast jeden bekannten Index, vom DAX über den Euro Stoxx 50 bis zum MSCI World. Auch in einzelnen Branchen und Sektoren, etwa ETFs auf Öl, ETFs auf künstliche Intelligenz oder ETFs auf Healthcare, wird meist beides angeboten. Eine Übersicht spezialisierter Fonds findest du in unseren Themen-ETFs im Überblick.
Beispiele für breit gestreute thesaurierende ETFs
Die folgenden zwei ETFs sind klassische, breit diversifizierte Bausteine für ein langfristiges Depot. Beide sind thesaurierend, physisch repliziert und sparplanfähig. Die genannten Kosten geben den Stand Juni 2026 wieder; prüfe vor dem Kauf stets das aktuelle Factsheet, etwa bei justETF oder direkt beim Emittenten.
iShares Core MSCI World UCITS ETF (Acc), ISIN IE00B4L5Y983, WKN A0RPWH
- Index: MSCI World (ca. 1.400 Unternehmen aus 23 Industrieländern)
- Replikation: physisch
- Gesamtkostenquote (TER): 0,20 % p.a.
- Fondsvolumen: rund 118 Mrd. Euro (sehr großer, etablierter ETF)
- Ertragsverwendung: thesaurierend, sparplanfähig
Vanguard FTSE All-World UCITS ETF (Acc), ISIN IE00BK5BQT80, WKN A2PKXG
- Index: FTSE All-World (Industrie- und Schwellenländer)
- Replikation: physisch
- Gesamtkostenquote (TER): 0,19 % p.a.
- Fondsvolumen: rund 40 Mrd. Euro
- Ertragsverwendung: thesaurierend, sparplanfähig
Diese Beispiele dienen der Veranschaulichung und sind keine Kaufempfehlung. Achte beim Vergleich neben der TER auf Fondsgröße, Tracking-Qualität und Handelbarkeit bei deinem Broker. Welcher Anbieter zu dir passt, zeigt unser Trading-App-Vergleich.
Fazit
Thesaurierende ETFs sind ein bequemer Weg, vom Zinseszinseffekt zu profitieren, weil Erträge automatisch reinvestiert werden. Steuerlich sind sie seit der Investmentsteuerreform 2018 jedoch nicht mehr grundsätzlich im Vorteil: Die Vorabpauschale stellt sicher, dass auch reinvestierte Erträge laufend besteuert werden. Über die gesamte Haltedauer ist der Unterschied zur ausschüttenden Variante heute gering. Die Wahl ist daher vor allem eine Frage deiner Strategie: Vermögensaufbau spricht eher für Thesaurierung, ein Bedarf an laufenden Erträgen eher für Ausschüttung. Bleib informiert mit unserem kostenlosen ETF-Newsletter.
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