Altersvorsorge: Mit der 4%-Trinity-Regel zur finanziellen Freiheit?

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Die Trinity-Regel, basierend auf der Trinity-Studie von 1998, bietet Anlegern eine Strategie zur finanziellen Unabhängigkeit und Altersvorsorge. Sie schlägt vor, jährlich 4% des Portfolios zu entnehmen, angepasst an die Inflation, um ein 30-jähriges Einkommen zu sichern.

Altersvorsorge: Mit der 4%-Trinity-Regel zur finanziellen Freiheit?

Stand: Juli 2026. Dieser Artikel wurde vollständig überarbeitet und aktualisiert.

Was ist die Trinity-Regel und wie funktioniert sie?

Die Trinity-Regel (oft auch schlicht "4%-Regel" genannt) ist eine der bekanntesten Faustregeln für den Ruhestand: Sie besagt, dass du im ersten Jahr 4% deines Startkapitals aus einem breit gestreuten Portfolio entnehmen und diesen Euro-Betrag anschließend jedes Jahr an die Inflation anpassen kannst, ohne dein Geld über einen Zeitraum von 30 Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit aufzubrauchen.

Wichtig zum Verständnis: Die 4% beziehen sich einmalig auf das Anfangskapital, nicht jedes Jahr neu auf den aktuellen Depotwert. Wer mit 500.000 € startet, entnimmt im ersten Jahr 20.000 € und erhöht diesen Betrag danach nur noch um die jährliche Teuerung, unabhängig davon, ob das Depot gestiegen oder gefallen ist. Genau das macht die Regel planbar, aber auch anfällig für ungünstige Marktphasen zu Beginn.

Als Portfolio lag den Ursprungsstudien eine Mischung aus Aktien und Anleihen zugrunde. In der Praxis hat sich die 60/40-Aufteilung (60% Aktien, 40% Anleihen) als populäre Variante etabliert. Ein solches Portfolio schwankt weniger als ein reines Aktiendepot, liefert langfristig aber auch etwas weniger Rendite.

Die Trinity-Regel ist eine beliebte Methode zur Altersvorsorge und ein zentraler Baustein der Idee finanzieller Unabhängigkeit. Sie ist jedoch kein Naturgesetz, sondern eine aus historischen US-Daten abgeleitete Faustregel, mit klaren Stärken und ebenso klaren Grenzen, die wir weiter unten ehrlich beleuchten.


Die wissenschaftlichen Grundlagen: Bengen (1994) und die Trinity-Studie (1998)

Den Grundstein legte der US-Finanzberater William Bengen. In seinem Artikel "Determining Withdrawal Rates Using Historical Data" (Journal of Financial Planning, Oktober 1994) untersuchte er anhand historischer US-Renditen ab 1926, wie viel ein Ruheständler pro Jahr entnehmen kann, ohne pleitezugehen. Sein Ergebnis: Bei einem Portfolio aus 50% Aktien und 50% mittelfristigen US-Staatsanleihen hatte eine anfängliche Entnahmerate von rund 4% (in seinen Berechnungen genauer 4,15%) in keinem einzigen der untersuchten 30-Jahres-Zeiträume zum vorzeitigen Verbrauch des Kapitals geführt.

1998 bestätigten und erweiterten drei Professoren der Trinity University in Texas, Philip L. Cooley, Carl M. Hubbard und Daniel T. Walz, diese Erkenntnis in der Studie "Retirement Spending: Choosing a Sustainable Withdrawal Rate" (AAII Journal, Februar 1998). Sie testeten verschiedene Aktien-Anleihen-Mischungen und Entnahmeraten über rollierende Zeiträume von 1926 bis 1995. Kernergebnis für einen 30-Jahres-Horizont mit einer inflationsangepassten 4%-Entnahme:

  • 50% Aktien / 50% Anleihen: Erfolgsquote rund 95%
  • 75% Aktien / 25% Anleihen: Erfolgsquote rund 98%

Mit steigender Entnahmerate sank die Erfolgswahrscheinlichkeit deutlich: Bei 5% Entnahme rutschte die Erfolgsquote auf rund 83%, bei 6% auf etwa 68%. Aus dieser Arbeit entstand die populäre "4%-Regel", und der Name "Trinity-Regel".

Zwei Dinge sind bei diesen Zahlen wichtig: Erstens beruhen sie ausschließlich auf historischen US-Marktdaten, sie sind eine Wahrscheinlichkeitsaussage, keine Garantie. Zweitens bezog sich die ursprüngliche 4%-Regel auf einen 30-jährigen Ruhestand. Wer deutlich früher in Rente geht (Stichwort FIRE-Bewegung) und 40 bis 50 Jahre finanzieren muss, sollte konservativer rechnen.


Die "4,7%-Regel": Bengens eigenes Update

Interessant ist, dass ausgerechnet der Urheber der 4%-Regel sie inzwischen selbst nach oben korrigiert hat. In seinem 2025 erschienenen Buch "A Richer Retirement" (Wiley) kommt Bill Bengen auf eine höhere sichere Startrate von rund 4,7% ("universeller SAFEMAX").

Der Grund: Bengen hat sein Modellportfolio breiter diversifiziert (unter anderem um Nebenwerte, Substanzwerte und internationale Aktien) statt es nur auf den US-Standardindex zu stützen. Eine breitere Streuung hebt in seinen Auswertungen die sichere Entnahmerate an. Gleichzeitig betont er ausdrücklich, dass es keine einzige richtige Zahl gibt: Die individuell sichere Rate hängt von der Marktbewertung und der Inflation zum Zeitpunkt des Renteneintritts ab.

Kurz gesagt: 4% ist der vorsichtige Ausgangspunkt, 4,7% zeigt, dass unter guten Bedingungen und mit breiter Streuung auch mehr drin sein kann. Als Anleger solltest du beide Zahlen als Orientierungsspanne verstehen, nicht als Freibrief, das Maximum auszureizen.


Kritik und Grenzen: Warum 4% kein Dogma ist

So eingängig die Regel ist, sie hat ernstzunehmende Schwächen, die du kennen solltest, bevor du deinen Ruhestand darauf aufbaust.

1. Das Renditereihenfolge-Risiko (Sequence-of-Returns-Risk). Nicht nur die durchschnittliche Rendite zählt, sondern auch ihre Reihenfolge. Ein Börsencrash in den ersten Entnahmejahren ist wesentlich gefährlicher als derselbe Crash 15 Jahre später: Wer früh in fallende Kurse hinein verkauft, verkleinert sein Kapital dauerhaft und kann von der späteren Erholung kaum noch profitieren. Zwei Ruheständler mit identischer Durchschnittsrendite können daher völlig unterschiedlich enden, allein wegen des Timings.

2. Hohe Bewertungen senken die sichere Rate. Mehrere Forscher (etwa Wade Pfau und Michael Kitces) haben gezeigt, dass die sichere Entnahmerate niedriger ausfällt, wenn man in einer Phase hoher Aktienbewertungen in den Ruhestand startet. Wer zu einem "teuren" Zeitpunkt beginnt, sollte eher am unteren Rand der 4%-Spanne planen.

3. Alles beruht auf der Vergangenheit. Die Studien nutzen historische Daten. Niedrigere künftige Renditen, längere Seitwärtsphasen oder anhaltend hohe Inflation können die Rechnung stören. Historische Erfolgsquoten sind kein Versprechen für die Zukunft.

4. Starre Entnahme ignoriert das echte Leben. Gesundheitskosten, Pflege, größere Anschaffungen oder ein längeres Leben als geplant lassen sich nicht in eine feste Prozentzahl pressen.

Die vernünftige Konsequenz ist keine Ablehnung der Regel, sondern Flexibilität: In schwachen Börsenjahren die Entnahme etwas senken, in starken Jahren gegebenenfalls erhöhen. Solche dynamischen Entnahmestrategien erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass das Kapital reicht, deutlich. Wer das konkret durchrechnen möchte, findet in unserem ETF-Entnahmeplan und im Rechner zur finanziellen Freiheit passende Werkzeuge.


Besonderheiten für Anleger in Deutschland

Die Trinity-Regel stammt aus den USA. Übertragen auf deutsche Verhältnisse gibt es zwei wichtige Punkte, die die reine 4%-Rechnung verzerren:

Steuern. Die 4%-Regel liefert einen Brutto-Betrag. In Deutschland fällt auf realisierte Kursgewinne und Ausschüttungen die Abgeltungsteuer von 25% plus Solidaritätszuschlag (zusammen 26,375%, ggf. zzgl. Kirchensteuer) an. Für Aktien-ETFs gilt allerdings eine Teilfreistellung von 30%, sodass nur 70% des Gewinns steuerpflichtig sind. Zusätzlich steht dir der Sparerpauschbetrag von 1.000 € (Alleinstehende) bzw. 2.000 € (zusammenveranlagte Ehepaare) pro Jahr steuerfrei zu. Bei thesaurierenden ETFs kommt während der Ansparphase die Vorabpauschale hinzu; ihr Basiszins liegt 2026 bei 3,20%. Details dazu in unserem Ratgeber zu ETF-Steuern.

Keine US-Rentenkonten, andere Sozialversicherung. Bengens Berechnungen unterstellten steuerbegünstigte US-Ruhestandskonten. Das deutsche System funktioniert anders: Es gibt keine vergleichbaren steuerfreien Entnahme-Töpfe, dafür in der Regel eine gesetzliche Rente als Basis. Deine private Entnahme aus dem ETF-Depot ist damit oft nur ein Baustein neben der gesetzlichen Rente, was das Risiko einer reinen Depot-Entnahme relativiert.

Faustregel für die Praxis: Rechne netto, nicht brutto. Wer 4% brutto entnimmt, hat nach Steuern spürbar weniger auf dem Konto, plane den Steuerabzug von Anfang an ein.


Beispielhafte Umsetzung mit ETFs

Für die Umsetzung der Trinity-Regel eignen sich breit gestreute, kostengünstige ETFs. Die folgenden Produkte sind lediglich Beispiele zur Veranschaulichung der 60/40-Idee und keine Anlageempfehlung. Alle Angaben Stand Juli 2026 (Quelle: justETF sowie Emittenten-Factsheets).

Variante A, mit nur einem ETF (fertige Mischung):

Vanguard LifeStrategy 60% Equity UCITS ETF

Dieser ETF liefert die 60/40-Struktur in einem einzigen Produkt und wird automatisch im Verhältnis rebalanced, bequem für alle, die eine Ein-Produkt-Lösung wollen.

  • ISIN: IE00BMVB5P51
  • Verwaltungsgebühr (TER): 0,25% p.a.
  • Thesaurierend (Acc), Fondsdomizil Irland
  • Enthält rund 60% Aktien und 40% Anleihen; Vanguard steuert die Zusammensetzung aktiv, das Produkt bildet keinen einzelnen Index nach

Variante B, mit zwei ETFs (frei kombinierbar):

1. iShares Core MSCI World UCITS ETF

Für den Aktienanteil eignet sich dieser weltweit gestreute Klassiker:

  • ISIN: IE00B4L5Y983
  • TER: 0,20% p.a.
  • Thesaurierend (Acc)
  • Bildet den MSCI World Index ab (Aktien aus 23 Industrieländern)

2. iShares Core Global Aggregate Bond UCITS ETF (EUR Hedged)

Für den Anleihenanteil:

  • ISIN: IE00BDBRDM35
  • TER: 0,10% p.a.
  • Thesaurierend (Acc)
  • Bildet den Bloomberg Global Aggregate Bond Index (Staats- und Unternehmensanleihen weltweit) ab und ist in Euro währungsgesichert, sinnvoll, um bei einem Anleihen-Baustein das Wechselkursrisiko zu reduzieren

Mit den beiden Einzel-ETFs lässt sich das Verhältnis frei justieren, etwa 70/30 für mehr Wachstum oder 50/50 für mehr Stabilität. Die Ein-Produkt-Lösung ist bequemer, die Zwei-ETF-Variante flexibler.


Depot und Broker: Wo du das umsetzen kannst

Für einen ETF-Entnahmeplan brauchst du ein günstiges Wertpapierdepot. In Deutschland eignen sich dafür unter anderem Neobroker mit niedrigen Kosten:

  • Trade Republic, kostenloses Depot, sehr günstige ETF-Sparpläne und Ausführung.
  • Scalable Capital, Depot mit großer ETF-Auswahl und optionalem Flatrate-Modell für Vieltrader.

Welcher Anbieter zu dir passt, hängt von Sparplan-Angebot, Ordergebühren und Funktionsumfang ab. Ein aktueller Überblick findet sich in unserem ETF-Broker-Vergleich.


Diversifikation: der stille Erfolgsfaktor

Ein zentraler Baustein jeder Entnahmestrategie ist die Diversifikation. Wer sein Kapital über Anlageklassen, Regionen und Branchen streut, macht sein Portfolio widerstandsfähiger gegen einzelne Krisen, und genau diese Robustheit erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass eine feste Entnahme über Jahrzehnte durchhält. Nicht umsonst hat Bengen seine sichere Rate erst nach breiterer Streuung nach oben korrigieren können.

Zur Streuung passen je nach Ziel auch weitere Ansätze, etwa eine Dividendenstrategie als zusätzliche Einkommensquelle oder der Aufbau über einen langfristigen ETF-Sparplan in der Ansparphase.


Die psychologische Komponente

Der Wechsel vom Ansparen zum Entnehmen ist nicht nur eine Rechenaufgabe, sondern auch eine Kopfsache. Aus einem über Jahrzehnte aufgebauten Depot plötzlich zu verkaufen, fällt vielen schwer, besonders, wenn die Kurse gerade fallen. Der größte Feind der Trinity-Regel ist oft nicht der Markt, sondern die Panik: Wer im Crash nervös die Strategie über den Haufen wirft, realisiert Verluste zum schlechtesten Zeitpunkt.

Ein klarer, vorab definierter Plan mit festgelegten Anpassungsregeln (etwa: Entnahme senken, wenn das Depot um X% fällt) hilft, in turbulenten Phasen rational zu bleiben. Ein zusätzlicher Cash-Puffer für ein bis zwei Jahresausgaben kann verhindern, dass du ausgerechnet im Tief verkaufen musst.


Fazit: nützliche Faustregel, kein Autopilot

Die Trinity-Regel ist ein hervorragender Ausgangspunkt, um den eigenen Ruhestand grob zu planen: einfach, verständlich und empirisch fundiert. Die 4% liefern eine vorsichtige Orientierung, Bengens Update auf 4,7% zeigt, dass unter guten Bedingungen mehr möglich ist.

Als starres Dogma taugt sie aber nicht. Renditereihenfolge-Risiko, hohe Bewertungen, deutsche Steuern und die Ungewissheit der Zukunft machen Flexibilität zur wichtigsten Zutat. Wer die 4%-Regel als Leitplanke versteht, netto statt brutto rechnet und bereit ist, seine Entnahme an die Lage anzupassen, hat ein solides Werkzeug auf dem Weg zur finanziellen Freiheit, kein Versprechen, aber eine gute Landkarte.


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