Aktive ETFs in Nischenmärkten: Wann passives Investieren an Grenzen stößt
aktive fondspassivETFsstrategiethemen-etf
Passive ETFs sind König. Doch in Nischen wie Tech oder Frontier Markets zeigen sie Schwächen. Hier schlägt die Stunde der aktiven ETFs, die mit menschlicher Expertise den Markt übertreffen wollen. Wir analysieren, für wen und wann diese Wette aufgehen kann.
Stand: Juli 2026. Passive ETFs sind fuer die grossen, liquiden Maerkte kaum zu schlagen. Doch es gibt Ecken des Marktes, in denen die stur regelbasierte Nachbildung eines Index an Grenzen stoesst. Genau dort setzt die aktuell wohl heisseste Produktkategorie der Branche an: aktive ETFs. Wir schauen ehrlich hin, wo das Sinn ergibt, was es kostet und wo die Fallstricke liegen.
Was sind aktive ETFs eigentlich? Eine kurze Abgrenzung
Bevor wir in die Tiefe gehen, eine schnelle Klaerung der Begriffe. Ein passiver ETF ist im Grunde ein sturer Befehlsempfaenger. Sein einziges Ziel ist es, einen bestimmten Index, wie den DAX (seit September 2021 40 Werte) oder den S&P 500, so exakt und kostenguenstig wie moeglich nachzubilden. Die Aktienauswahl trifft nicht der Fondsmanager, sondern die Regel des Index. Kauft Apple, weil Apple im Index ist. Verkauft Siemens, wenn Siemens aus dem Index fliegt.
Ein aktiver ETF hingegen gibt die Zuegel in die Haende eines Fondsmanagement-Teams. Dieses Team ist nicht an einen starren Index gebunden. Es analysiert Unternehmen, bewertet Markttrends und trifft eigenstaendige Entscheidungen darueber, welche Wertpapiere gekauft oder verkauft werden. Das Ziel ist ambitionierter: nicht nur den Markt abzubilden, sondern ihn zu schlagen. Sie sind quasi die Freigeister in der ansonsten streng regelbasierten ETF-Welt. Wichtig ist die Erwartungshaltung: Der ETF-Mantel macht das Produkt handelbar und meist guenstiger als einen klassischen Fonds. Ob der Manager den Markt tatsaechlich schlaegt, ist damit aber keineswegs gesagt.
Der grosse Trend 2026: aktive ETFs auf dem Vormarsch
Aktive ETFs sind 2026 das Wachstumsthema der Branche. Laut einer Auswertung von Morningstar ist das in Europa verwaltete Vermoegen in aktiven ETFs von rund 52,5 Milliarden Euro Ende 2024 auf etwa 85,6 Milliarden Euro zum Ende des ersten Quartals 2026 gestiegen, also nahezu eine Verdreifachung in gut zwei Jahren. Allein im ersten Quartal 2026 flossen rund 7,4 Milliarden Euro netto in diese Produkte.
Dominiert wird der europaeische Markt klar von J.P. Morgan Asset Management mit einem Marktanteil von etwa 44 Prozent, gefolgt von Fidelity International mit rund 10 Prozent und iShares (BlackRock) mit 7,7 Prozent. Immer mehr Haeuser draengen nach, darunter etablierte Aktiv-Manager wie Robeco, Schroders und Jupiter sowie US-Anbieter wie Dimensional.
Fuer die Einordnung ist eine Zahl entscheidend: Trotz des rasanten Wachstums machen aktive ETFs erst rund 3 Prozent des gesamten europaeischen ETF-Marktes aus. In den USA, dem Vorreitermarkt, liegt der Anteil bei etwa 12 Prozent, und dort entfaellt inzwischen ein Grossteil aller ETF-Neuauflagen auf aktive Strategien. Der Trend ist real, das Volumen im Vergleich zum passiven Kern aber noch klein. Ein Boom bei den Zufluessen ist kein Beleg fuer bessere Renditen.
Der passive Koenig und seine Achillesferse
Fuer die grossen, liquiden und vielbeachteten Maerkte dieser Welt ist der passive Ansatz oft unschlagbar. Im S&P 500 tummeln sich hunderte Analysten, jede Unternehmensmeldung wird in Sekundenbruchteilen seziert und eingepreist. Hier einen Informationsvorsprung zu erzielen, ist extrem schwierig. Ein aktiver Manager muss erst einmal seine hoeheren Gebuehren wieder hereinholen, bevor er ueberhaupt eine Chance auf eine Outperformance hat. Und die Statistik ist ernuechternd: Laut der SPIVA-Auswertung von S&P Dow Jones Indices (Jahresende 2025) blieben rund 79 Prozent der aktiven US-Large-Cap-Fonds hinter dem S&P 500 zurueck. Ueber 15 Jahre gibt es praktisch keine Kategorie, in der die Mehrheit der aktiven Manager ihren Vergleichsindex schlaegt.
Doch die Finanzwelt besteht nicht nur aus den USA, Europa und den grossen Schwellenlaendern. Es gibt unzaehlige Nischen, die fuer Anleger hochinteressant sein koennen:
- Spezialisierte Technologiebereiche wie Robotik, Cybersicherheit oder Biotechnologie.
- Bestimmte Frontier Markets, also Laender, die noch unterhalb der Schwelle zum Schwellenland liegen.
- Illiquide Rohstoffmaerkte jenseits von Oel und Gold.
- Small- und Micro-Caps in weniger entwickelten Regionen.
In diesen Ecken des Marktes sieht die Welt anders aus. Die zugrundeliegenden Indizes sind oft problematisch. Ein Wasserstoff-Index koennte beispielsweise zu grossen Teilen aus zwei oder drei Industriekonzernen bestehen, die nur einen winzigen Teil ihres Umsatzes mit Wasserstoff machen. Ein passiver ETF, der diesen Index abbildet, kauft dir also ein massives Klumpenrisiko und kaum echtes Wasserstoff-Exposure. Ein anderes Problem ist die Liquiditaet. In weniger gehandelten Maerkten kann es fuer einen passiven ETF schwierig und teuer werden, die Indexzusammensetzung exakt nachzubilden, was zu Abweichungen (Tracking Errors) fuehrt.
Die Buehne fuer den aktiven Manager: Wo der Mensch (vielleicht) die Maschine schlaegt
Genau diese Ineffizienzen und Schwaechen der Nischenmaerkte sind die grosse Chance fuer aktive Manager. Sie koennen hier ihre Staerken ausspielen und potenziell einen echten Mehrwert schaffen, den ein passiver Ansatz nicht liefern kann. Betonung auf potenziell: eine Garantie ist das nie.
- Ineffizienzen nutzen: In Maerkten, die von wenigen Analysten beobachtet werden, gibt es sie noch: die unterbewerteten Perlen. Ein gutes Management-Team mit lokalem Research kann solche Unternehmen identifizieren, lange bevor sie auf dem Radar der breiten Masse auftauchen. Ein Index wuerde sie vielleicht gar nicht oder erst viel spaeter aufnehmen.
- Aktives Risikomanagement: Statt blind einen schlecht konstruierten Index zu kaufen, kann ein aktiver Manager die Risiken bewusst steuern. Er kann Uebergewichtungen in einzelnen Aktien vermeiden, die er fuer zu riskant haelt, und das Portfolio breiter aufstellen, als es der zugrundeliegende Index tut. Er kann auch auf negative Nachrichten oder Branchenveraenderungen sofort reagieren und nicht erst auf die naechste planmaessige Indexanpassung in sechs Monaten warten.
- Flexibilitaet und Antizipation: Ein aktiver ETF kann schnell auf neue Trends reagieren. Erkennt das Management eine aufkommende Technologie oder eine Veraenderung im Konsumverhalten, kann es das Portfolio entsprechend umschichten. Ein passiver ETF wartet, bis ein Indexanbieter einen neuen, passenden Index auflegt, was Jahre dauern kann.
Besonders im Anleihenbereich hat dieses Argument Gewicht. Anleihenindizes gewichten Schuldner oft nach der Hoehe ihrer Verschuldung, du leihst also ausgerechnet den am hoechsten verschuldeten Emittenten am meisten. In volatilen Zinsphasen kann ein aktiver Manager Laufzeiten und Bonitaeten flexibler steuern. Belegt ist der dauerhafte Mehrwert auch hier aber nicht: Die SPIVA-Daten zeigen, dass auch bei Anleihen die Mehrheit der aktiven Fonds langfristig hinter dem Index bleibt.
Zahlen, Daten, Fakten: ein Blick auf den deutschen Markt
Die Theorie klingt gut, aber wie sieht die Realitaet fuer deutsche Privatanleger aus? Stand Juli 2026 ist das Segment der aktiven ETFs in Deutschland zwar deutlich gewachsen, im Vergleich zum riesigen passiven Angebot (weit ueber 2.000 handelbare ETFs) aber weiterhin eine Nische. Das Angebot reicht von breiten Aktienstrategien ueber Anleihen bis zu den beliebten Optionspraemien-Strategien (Covered Call), etwa den Equity-Premium-Income-Produkten von J.P. Morgan.
Ein entscheidender Punkt sind die Kosten. Die Gesamtkostenquote (TER) fuer aktive ETFs liegt spuerbar ueber der von breiten Standard-Indexfonds. Waehrend du einen passiven MSCI World ETF oft fuer unter 0,20 Prozent pro Jahr bekommst, rufen viele aktive ETFs Werte im Bereich von rund 0,3 bis 0,8 Prozent auf. Das ist gleichzeitig eine Kampfansage an klassische, aktiv gemanagte Fonds, die nicht selten Gebuehren von 1,5 bis 2,0 Prozent und zusaetzlich noch Ausgabeaufschlaege verlangen. Der aktive ETF positioniert sich kostentechnisch also in der Mitte, ist aber eben doch teurer als der passive Standard.
Eine weitere Herausforderung ist die oft noch junge Historie vieler Produkte. Viele aktive ETFs existieren erst wenige Jahre. Das macht eine fundierte Bewertung der langfristigen Performance schwierig. Man kauft hier also nicht nur eine Strategie, sondern auch ein Stueck weit die Hoffnung auf die zukuenftige Kompetenz des Managers. Vor dem Kauf solltest du dir wie immer das aktuelle Factsheet, die TER und das Fondsvolumen beim Emittenten und auf einer Plattform wie justETF ansehen.
Nicht alles, was glaenzt, ist Gold: die Kehrseite der Medaille
Bevor du jetzt dein Portfolio umschichtest, muessen wir ehrlich ueber die Risiken sprechen. Denn wo Chancen sind, lauern auch Gefahren. Der Begriff aktiv ist ausdruecklich kein Qualitaetssiegel.
- Das Manager-Risiko: Was, wenn der Fondsmanager einfach danebenliegt? Oder eine laengere Pechstraehne hat? Dann zahlst du hoehere Gebuehren fuer eine Performance, die hinter dem Markt zurueckbleibt. Es gibt keine Garantie, dass ein aktiver Manager den Markt schlaegt. Wie oben gezeigt, gelingt es der Mehrheit ueber lange Zeitraeume gerade nicht.
- Die Kosten-Huerde: Die hoehere TER ist eine permanente Huerde. Ein aktiver ETF, der 0,70 Prozent kostet, muss jedes Jahr eine um rund 0,5 Prozentpunkte bessere Bruttorendite erzielen als ein passiver ETF mit 0,20 Prozent Kosten, nur um am Ende gleichauf zu liegen. Diese Mehrkosten muessen erst einmal verdient werden, Jahr fuer Jahr.
- Auswahl- und Konzentrationsrisiko: Gerade in Nischen buendelst du haeufig ein schmales Marktsegment und vertraust dabei auf ein einzelnes Team. Faellt die Wette falsch aus, trifft dich das doppelt.
- Geringere Liquiditaet: Viele aktive ETFs verwalten noch vergleichsweise wenig Kapital. Ein geringeres Volumen kann zu hoeheren Spreads (Differenz zwischen Kauf- und Verkaufskurs) an der Boerse fuehren, was deine Rendite bei Ein- und Ausstieg schmaelert.
Fuer wen und wann lohnt sich der Blick?
Aktive ETFs sind kein Allheilmittel und erst recht kein Ersatz fuer ein breit diversifiziertes, passives Kerninvestment. Sie sind vielmehr ein Spezialwerkzeug fuer erfahrene Anleger, die gezielt in bestimmte Marktsegmente investieren wollen, in denen ein passiver Ansatz offensichtliche Schwaechen hat.
Du solltest ueber einen aktiven ETF nachdenken, wenn du folgende Fragen fuer dich positiv beantwortest:
- Investierst du in eine echte Nische? Geht es um einen Markt, dessen Indizes bekannt fuer hohe Konzentration, geringe Liquiditaet oder fragwuerdige Zusammensetzung sind?
- Verstehst du die Strategie des Managers? Kannst du nachvollziehen, nach welchen Kriterien das Fondsmanagement seine Entscheidungen trifft? Transparenz ist hier entscheidend. Viele Anbieter legen ihre Portfolios taeglich oder woechentlich offen.
- Bist du bereit, fuer potenzielles Alpha zu zahlen? Akzeptierst du die hoeheren Kosten im Austausch fuer die Chance, den Markt zu schlagen, und bist dir des damit verbundenen Risikos bewusst?
Die Entscheidung fuer oder gegen einen aktiven ETF ist letztlich eine strategische. Es geht nicht darum, ob aktiv oder passiv per se besser ist. Es geht darum, das richtige Instrument fuer den jeweiligen Zweck auszuwaehlen. Fuer dein globales Basisinvestment bleibt ein passiver ETF fuer die allermeisten Anleger die erste Wahl. Aber wenn du dein Portfolio um eine gezielte Wette auf einen schwer abbildbaren Nischenmarkt ergaenzen moechtest, kann ein aktiver ETF das passende Werkzeug sein.
Praktische Umsetzung: worauf es beim Broker ankommt
Aktive ETFs kaufst du wie jeden anderen ETF ueber ein normales Wertpapierdepot. Achte auf die Handelbarkeit deines Wunschprodukts und moeglichst geringe Ordergebuehren. Bei Neobrokern wie Trade Republic handelst du ETFs bereits ab einem Euro pro Order, und viele ETF-Sparplaene laufen gebuehrenfrei. Wer eine etwas breitere Produktauswahl und mehr Handelsplaetze schaetzt, findet diese zum Beispiel bei Scalable Capital. Pruefe vor dem Kauf immer, ob dein konkreter aktiver ETF beim jeweiligen Broker sparplanfaehig und handelbar ist.
Fazit
Die ETF-Welt entwickelt sich staendig weiter, und die stark wachsende Zahl aktiver Produkte zeigt, dass Anleger nach Loesungen jenseits des simplen Indexings suchen. Bleib dabei nuechtern: Der Zuflussboom sagt nichts ueber die Rendite. Die harten Daten sprechen ueber lange Zeitraeume weiter fuer den passiven Kern. Aktive ETFs koennen eine sinnvolle, gezielt eingesetzte Ergaenzung sein, dort wo passives Investieren an echte Grenzen stoesst. Die Zukunft des Investierens ist daher wohl eine smarte Kombination aus beidem: einem soliden passiven Fundament und wenigen, bewusst ausgewaehlten aktiven Satelliten.
Transparenzhinweis: Dieser Artikel enthaelt Affiliate-Links (zum Beispiel zu Brokern). Kaufst du ueber einen solchen Link, erhalten wir ggf. eine Provision. Fuer dich entstehen dadurch keine Mehrkosten. Dieser Beitrag ist keine Anlageberatung und stellt keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung dar. Boersengeschaefte sind mit Risiken bis zum Totalverlust verbunden. Stand: Juli 2026.
Unser Tipp: Bei Scalable Capital kannst Du rund 1700 PRIME ETFs - darunter iShares, Xtrackers und Amundi - von 7:30 bis 23 Uhr gebührenfrei handeln und dauerhaft kostenlos besparen. Monatliche Sparraten schon ab 1 €.
Mehr zum Thema:
aktive fondspassivETFsstrategiethemen-etf