Factor-ETFs: Value, Momentum & Low-Volatility Privatanleger
Factor‑ETFs bündeln Aktien nach definierten Merkmalen wie Value, Momentum oder Low‑Volatility und versprechen dank jahrzehntelanger Forschung langfristig höhere Renditen bzw. ein besseres Risiko‑Reward‑Verhältnis.
Was sind factor‑basierte ETFs?
Factor‑ETFs bündeln Aktien nach einem klar definierten Merkmal – dem sogenannten Faktor. Statt nach Marktkapitalisierung zu gewichten, werden nur Unternehmen ausgewählt, die einen bestimmten Stil exhibieren: günstig bewertet (Value), stark im Aufwärtstrend (Momentum) oder mit niedriger Kurs‑Volatilität (Low‑Volatility). Der Ansatz beruht auf jahrzehntelanger Forschung, die zeigt, dass diese Faktoren langfristig höhere Renditen oder ein besseres Risiko‑Reward‑Verhältnis erzielen können.
Value‑Strategie: Günstig kaufen, geduldig halten
Value‑ETFs konzentrieren sich auf Aktien mit niedrigen Bewertungskennzahlen – meist ein Kurs‑zu‑Gewinn‑Verhältnis (KGV) von unter 15 oder ein Kurs‑zu‑Buchwert‑Verhältnis (KBV) von weniger als 1,5. Historisch haben solche Unternehmen im Schnitt +3 % Jahresüberschuss gegenüber dem breiten Markt erwirtschaftet. Ein prominentes Beispiel ist der iShares MSCI World Value Factor UCITS ETF (ISIN IE00BP3QZP20), der mit einer TER von 0,30 % p.a. die größten Value‑Titel aus den entwickelten Märkten nachbildet.
Momentum‑Strategie: Auf den Zug aufspringen
Momentum‑ETFs wählen Aktien, die in den letzten 12 Monaten überdurchschnittlich gut performt haben. Die Grundidee: Trends setzen sich fort, bis sie umkehren. In den USA lag die durchschnittliche Jahresrendite von Momentum‑Portfolios zwischen +6 % und +9 % über die letzten 30 Jahre, während die Volatilität nur leicht über dem Marktdurchschnitt lag. Der iShares MSCI Europe Momentum Factor UCITS ETF (ISIN IE00B5M4TQ29) ist ein typischer Vertreter mit einer Sharpe‑Ratio von etwa 0,95.
Low‑Volatility‑Strategie: Ruhe bewahren
Low‑Volatility‑ETFs setzen auf Aktien, deren Kursbewegungen besonders stabil sind. Das Ziel ist, das Gesamtrisiko zu senken, ohne die Rendite zu opfern. Seit 2013 war der Vanguard Global Minimum Volatility Fund im Durchschnitt 12 % weniger volatil als sein Benchmark, erzielte dabei aber eine Sharpe‑Ratio von rund 0,80 – besser als viele reine Wachstums‑ETFs. Ein klassisches Produkt ist der Invesco S&P 500 Low Volatility ETF (ISIN US46137V6210) mit einer TER von 0,25 % p.a.
Warum ein Faktor‑Mix sinnvoll sein kann
Die Korrelation zwischen Value, Momentum und Low‑Volatility liegt häufig zwischen 0,2 und 0,4. Das bedeutet, dass die Faktoren in unterschiedlichen Marktphasen ihre Stärken ausspielen. Während Momentum in Aufwärtsmärkten glänzt, liefert Low‑Volatility Schutz in turbulenten Phasen, und Value profitiert von Kurskorrekturen nach Überbewertungen. Ein Portfolio, das alle drei Faktoren zu je ≈ 33 % gewichtet, kann das Gesamtrisiko um bis zu 15 % reduzieren und gleichzeitig die erwartete Rendite um etwa +1,5 % p.a. steigern.
Praktische Anwendungsstrategien für Privatanleger
- Ergänzung zu einem Kern‑ETF auf Basis von Marktkapitalisierung: Baue einen kleinen Faktor‑Block von 10 %–20 % neben deinem MSCI World‑ETF ein.
- Saisonale Anpassungen: In der ersten Jahreshälfte, wenn die Volatilität typischerweise höher ist, den Low‑Volatility‑Anteil erhöhen.
- Rebalancing‑Intervall von halbjährlich: So bleibt die gewünschte Faktor‑Gewichtung erhalten, ohne zu häufig zu handeln.
Wichtige Performance‑Kennzahlen im Blick
Zur Bewertung von Factor‑ETFs solltest du nicht nur die absolute Rendite, sondern auch risikobereinigte Kennzahlen prüfen:
- Sharpe‑Ratio – Rendite im Verhältnis zur Gesamtvolatilität. Werte > 0,8 gelten als solide. Portfolio‑Analyse
- Sortino‑Ratio – fokussiert auf Downside‑Risiko, also Verluste. Ein Wert von 1,0+ signalisiert gute Verlustbegrenzung.
- Maximum Drawdown – der tiefste Verlust vom Höchststand bis zum Tiefpunkt. Low‑Volatility‑ETFs zeigen häufig < 10 %. ETFs im Detail
Kosten und Liquidität – worauf du achten solltest
Factor‑ETFs haben meist eine TER zwischen 0,20 % und 0,40 % p.a., also etwas höher als klassische Index‑ETFs. Achte zudem auf das durchschnittliche Tagesvolumen: Ein Handelsvolumen von über 10 Mio. USD pro Tag reduziert den Spread und minimiert Handelskosten. Ein hohes Handelsvolumen erhöht die Liquidität und senkt die Transaktionskosten. Physische Replikation, wie sie die meisten großen Anbieter nutzen, erhöht die Transparenz und senkt das Kontrahentenrisiko gegenüber synthetischen Produkten. Physische Replikation bietet somit einen zusätzlichen Sicherheitspuffer für Anleger.
Regulatorische Rahmenbedingungen in Europa
Fast alle factor‑basierten ETFs, die in Deutschland angeboten werden, sind UCITS‑Fonds. Das bedeutet, sie unterliegen strengen Vorgaben zu Diversifikation (max. 10 % in einem Emittenten), Transparenz und Anlegerschutz. Für Privatanleger bedeutet das ein hohes Maß an Sicherheit und die Möglichkeit, die ETFs problemlos in einem Depot bei jeder europäischen Bank zu halten.
Wie du den nächsten Schritt machst
Wenn du bereits einen breiten Markt‑ETF besitzt, prüfe, welchen Faktor‑Baustein du am meisten vermisst. Schau dir die TER, das Handelsvolumen und die wichtigsten Kennzahlen an – und baue dann gezielt einen kleinen Faktor‑Block auf. So kannst du dein Portfolio stabilisieren, die Renditechancen erhöhen und gleichzeitig von wissenschaftlich fundierten Investment‑Strategien profitieren.
Steuerliche Besonderheiten von Factor‑ETFs
Für dich als Privatanleger ist die Abgeltungsteuer von 25 % plus Solidaritätszuschlag und ggf. Kirchensteuer das Kernstück. Bei Factor‑ETFs entsteht ein gemischtes Steuerprofil, weil du sowohl Dividenden als auch Kursgewinne bekommst. Die Dividenden werden sofort mit Quellensteuer belegt – meist 15 % in den USA – und können im Rahmen der Jahressteuererklärung auf die deutsche Abgeltungsteuer angerechnet werden.
Ein weiterer Punkt ist die Vorabpauschale: Selbst wenn du keine Ausschüttung erhältst, wird ein fiktiver Ertrag ermittelt und besteuert. Das betrifft besonders thesaurierende Factor‑ETFs, die Gewinne wieder anlegen. Achte daher auf die jährliche Steuerbescheinigung deines Brokers, damit du alle Beträge korrekt angeben kannst. Weitere Informationen zu ETFs findest du auf unserer Plattform.
Tracking‑Error und Replikationsmethoden
Der Tracking‑Error misst, wie stark die Rendite deines Factor‑ETFs vom zugrunde liegenden Index abweicht. Bei physisch replizierten ETFs liegt er meist bei < 0,2 %, weil die Fondsgesellschaft die echten Aktien hält. Synthetische Varianten können einen höheren Fehler aufweisen, da sie Swaps nutzen – dafür sind sie oft günstiger, riskieren jedoch Kontrahenten‑Ausfall.
Für dich bedeutet das: Wenn du Wert auf Transparenz legst, greife zu ETFs mit physischer Replikation, wie dem iShares MSCI World Value Factor (ISIN IE00BP3QZP20). Achte außerdem auf die durchschnittliche jährliche Tracking‑Error‑Rate in den Fonds‑Factsheets, um unerwartete Abweichungen zu vermeiden.
Liquidität und Handelszeiten – worauf du achten solltest
Ein Factor‑ETF ist nur dann praktisch, wenn du ihn zu fairen Preisen kaufen und verkaufen kannst. Die tägliche Handelsvolumina variieren stark: Top‑ETFs wie der Invesco S&P 500 Low Volatility (ISIN US46137V6210) erzielen über 15 Mio. USD, während kleinere Nischenprodukte oft unter 2 Mio. USD liegen. Hohe Volumen bedeuten enge Geld‑Bid‑Spreads und geringere Transaktionskosten.
Beachte außerdem die Handelszeiten: Die meisten europäischen Factor‑ETFs werden an den Börsen Frankfurt, London und Paris gehandelt und schließen um 17:30 MEZ. Wenn du außerhalb dieser Fenster orderst, wird deine Order zum nächsten Handelstag ausgeführt – das kann bei volatilen Marktphasen zu Preisabweichungen führen. Plane deine Orders am besten zu den regulären Öffnungszeiten, um unerwartete Slippage zu vermeiden, und achte dabei auf ein ausgewogenes Portfolio.
Fazit
Factor‑basierte ETFs ermöglichen Privatanlegern, gezielt von Value, Momentum und Low‑Volatility zu profitieren, indem sie jeweils unterschiedliche Marktzyklen ansprechen. Durch das Kombinieren dieser Strategien kann das Risiko reduziert und die Renditepotenziale gesteigert werden. Ein gut ausgeglichener Faktor‑Mix bietet somit eine robuste und diversifizierte Anlagestrategie für langfristige Ziele.
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