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ETF-Ausstiegsstrategie: Gewinne sichern vor der Rente

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Der Ausstieg aus ETFs ist tückischer als der Einstieg. Das Sequence of Returns Risk kann deine Altersvorsorge gefährden. Ein Gleitpfad-Modell, das schrittweise in Anleihen umschichtet, hilft, dein Portfolio sicher zu landen und die hart erarbeiteten Gewinne zu schützen.

ETF-Ausstiegsstrategie: Gewinne sichern vor der Rente

Die Kunst der Landung: Warum der ETF-Ausstieg schwieriger ist als der Einstieg

Herzlichen Glückwunsch. Wenn du diesen Artikel liest, hast du wahrscheinlich das Gröbste hinter dir. Du hast Jahre, vielleicht Jahrzehnte damit verbracht, diszipliniert zu sparen. Du hast Konsumverzicht geübt, während deine Nachbarn alle zwei Jahre ein neues Auto geleast haben. Du hast stoisch in deinen MSCI World oder FTSE All-World investiert, selbst als die Börsenpresse den Untergang des Abendlandes herbeigeschrieben hat. Dein Depot hat inzwischen eine Größe erreicht, die dich nachts ruhig schlafen lässt, zumindest theoretisch.

Doch jetzt, wo die Rente oder die finanzielle Freiheit in greifbare Nähe rückt (sagen wir, in etwa fünf bis zehn Jahren), stehst du vor einer neuen Herausforderung. Und die hat es in sich. An der Börse Vermögen aufzubauen, ist wie einen Berg zu erklimmen. Es ist anstrengend, es dauert lange, aber der Weg ist klar: immer nach oben.

Der Ausstieg hingegen, die sogenannte Entnahmephase, ist der Abstieg vom Gipfel. Statistisch gesehen passieren die meisten tödlichen Unfälle am Berg beim Abstieg. Warum? Weil die Konzentration nachlässt, die Ressourcen knapp sind und das Wetter umschlagen kann. Übertragen auf dein ETF-Portfolio bedeutet das: Ein Börsencrash fünf Jahre vor deinem geplanten Ruhestand ist nicht einfach nur ärgerlich. Er ist eine existenzielle Bedrohung für deinen Lebensstandard im Alter. In der Aufbauphase waren Kurseinbrüche dein bester Freund, weil du günstig nachkaufen konntest. In der Ausstiegsphase sind sie dein Erzfeind. Wer hier nicht aufpasst, riskiert das sogenannte "Sequence of Returns Risk", das Risiko der Renditereihenfolge.

Genau hier kommt das Gleitpfad-Modell ins Spiel. In diesem Artikel schauen wir uns an, wie du dein Portfolio sicher landest, ohne dass das Fahrwerk bricht. Wir rechnen konkrete Szenarien durch, sprechen über das "Bond Tent" und werfen einen Blick auf die steuerlichen Fallstricke, die der deutsche Staat freundlicherweise für dich ausgelegt hat.

Stand: Juli 2026. Dieser Artikel ist eine allgemeine Information und keine Anlage- oder Steuerberatung. Die genannten ETFs sind Beispiele, keine Kaufempfehlungen.

Das unsichtbare Monster: Das Renditereihenfolge-Risiko

Bevor wir zur Lösung kommen, müssen wir das Problem verstehen. Viele Anleger machen den Fehler, mit Durchschnittsrenditen zu rechnen. "Der Aktienmarkt macht im Schnitt 7 % pro Jahr", sagen sie. "Also kann ich mit 7 % rechnen." Das ist in der Theorie korrekt, aber in der Praxis oft fatal, wenn der Zeithorizont kürzer wird. Der Durchschnitt ist nämlich geduldig. Die Realität ist volatil.

Stell dir vor, du hast 500.000 Euro im Depot und planst, in fünf Jahren in den Ruhestand zu gehen. Du rechnest fest damit, dass dieses Kapital bis dahin auf etwa 700.000 Euro anwächst. Doch dann passiert das, was an der Börse alle paar Jahre passiert: Ein Bärenmarkt. Die Kurse fallen im ersten Jahr um 20 %. Dein Depot schrumpft auf 400.000 Euro. Im zweiten Jahr geht es nochmal 10 % runter. Du bist jetzt bei 360.000 Euro. Selbst wenn die Börse in den darauffolgenden drei Jahren extrem gut läuft und jedes Jahr 15 % Plus macht, kommst du rechnerisch kaum wieder auf deinen ursprünglichen Pfad zurück.

Das eigentliche Problem entsteht aber erst, wenn du beginnst, Geld zu entnehmen. Musst du in einer Crash-Phase Anteile verkaufen, um deinen Lebensunterhalt zu bestreiten, sägst du am Ast, auf dem du sitzt. Du verkaufst mehr Anteile für weniger Geld. Diese Anteile sind für immer weg und können an der darauffolgenden Erholung nicht mehr teilnehmen. Das Renditereihenfolge-Risiko besagt schlicht: Es ist nicht egal, wann die schlechten Renditen kommen. Kommen sie am Anfang deiner Ansparphase? Egal, sogar gut. Kommen sie kurz vor oder zu Beginn deiner Entnahmephase? Katastrophe. Deswegen muss deine Strategie fünf Jahre vor der Rente radikal anders aussehen als 20 Jahre davor.

Der Gleitpfad: Sanftes Absenken statt abruptes Bremsen

Der Begriff "Glide Path" (Gleitpfad) stammt aus der Luftfahrt. Er beschreibt den idealen Sinkflug eines Flugzeugs zur Landebahn. Nicht zu steil, damit man nicht abstürzt, aber auch nicht zu flach, damit man die Bahn nicht verfehlt. In der Finanzwelt bedeutet das: Du schichtest dein Portfolio über einen festgelegten Zeitraum schrittweise von risikoreichen Anlagen (Aktien) in risikoarme Anlagen (Anleihen, Tagesgeld, Geldmarkt-ETFs) um.

Die Idee dahinter ist simpel: Du reduzierst die Volatilität deines Gesamtvermögens genau in dem Moment, in dem du am verwundbarsten bist. Du tauschst Renditepotenzial gegen Sicherheit. Und ja, das tut weh. Wenn der Aktienmarkt boomt und du gerade deine Aktienquote reduzierst, fühlt sich das an, als würdest du die Party verlassen, während der DJ gerade die besten Platten auflegt. Aber denk dran: Du willst nicht tanzen, du willst sicher nach Hause kommen. Wichtig ist auch: Der Gleitpfad ist kein Markt-Timing. Du reduzierst nach einem festen Zeitplan, nicht weil du glaubst, den nächsten Crash vorhersagen zu können. Niemand kann das.

Die zwei Schulen des Gleitpfads: Linear vs. Bond Tent

Es gibt nicht den einen Gleitpfad, sondern verschiedene Ansätze, wie du die Landung gestalten kannst. Die zwei prominentesten Strategien schauen wir uns jetzt genauer an. Beide haben ihre Berechtigung, hängen aber stark von deiner persönlichen Risikotoleranz und deinem Startkapital ab.

1. Der klassische lineare Gleitpfad

Das ist die Methode für Menschen, die es gerne einfach und regelbasiert mögen. Du legst fest, dass deine Aktienquote jedes Jahr um einen bestimmten Prozentsatz sinkt und die Anleihenquote steigt. Punkt.

Beispiel:

  • 5 Jahre vor Rente: 80 % Aktien, 20 % Anleihen
  • 4 Jahre vor Rente: 70 % Aktien, 30 % Anleihen
  • 3 Jahre vor Rente: 60 % Aktien, 40 % Anleihen
  • und so weiter.

Das Ziel ist oft eine Allokation von 40 % bis 50 % Aktien zum Renteneintritt. Diese Quote behältst du dann im Ruhestand bei. Der Vorteil: Es ist extrem einfach umzusetzen und erfordert keine komplexen Marktprognosen.

2. Das Bond Tent (Das Anleihen-Zelt)

Diese Strategie ist etwas raffinierter und wird von vielen Finanzplanern in den USA favorisiert. Das "Zelt" beschreibt die Form deiner Anleihenquote im Zeitverlauf. Sie steigt stark an bis zum Tag des Renteneintritts (die Zeltspitze) und fällt danach in den ersten Jahren des Ruhestands wieder ab.

Warum sollte man das tun? Die Logik ist folgende: Das Renditereihenfolge-Risiko ist in den ersten fünf Jahren nach Rentenbeginn am allerhöchsten. Wenn du diese Phase ohne massive Verluste überstehst, ist dein Depot meistens robust für den Rest deines Lebens. Das Bond Tent baut also einen Schutzwall genau um diesen kritischen Zeitraum herum auf. Du erhöhst die Anleihenquote fünf Jahre vor der Rente deutlich, vielleicht auf bis zu 60 % oder 70 %. Sobald du in Rente gehst, verbrauchst du zuerst diese Anleihen (oder das Cash) für deinen Lebensunterhalt. Dadurch steigt deine Aktienquote im Depot automatisch wieder an, ohne dass du Aktien nachkaufst. Das gibt deinen Aktien Zeit, sich von eventuellen Crashes zu erholen, ohne dass du sie verkaufen musst.

Praxis-Beispiel: Das 500.000 Euro Szenario

Genug der Theorie. Lass uns rechnen. Wir nehmen an, du bist heute 60 Jahre alt. Du planst, mit 65 in Rente zu gehen. Dein Depot ist aktuell 500.000 Euro wert. Deine aktuelle Aufteilung ist 90 % Aktien (z. B. MSCI World) und 10 % Tagesgeld. Du bist also sehr sportlich unterwegs.

Dein Ziel: Du willst zum Renteneintritt eine planbare Ausgangslage schaffen und das Risiko eines großen Crashes kurz vor der Ziellinie deutlich reduzieren. Wir wenden das Modell des klassischen Gleitpfads an, um auf eine Zielallokation von 50/50 zum Renteneintritt zu kommen.

Ausgangslage (Jahr 0, heute):

  • Gesamtwert: 500.000 €
  • Aktien: 450.000 € (90 %)
  • Sichere Anlagen: 50.000 € (10 %)

Um in fünf Jahren bei 50/50 zu landen, musst du die Aktienquote um 8 Prozentpunkte pro Jahr senken (von 90 % auf 50 % sind 40 Prozentpunkte Differenz, geteilt durch fünf Jahre). Das bedeutet spürbare Umschichtungen. Die Zahlen unten sind eine vereinfachte Illustration des Prinzips, keine Prognose.

  • Jahr 1 (du bist 61): Ziel-Allokation 82 % Aktien / 18 % sichere Anlagen. Du verkaufst Aktien-ETFs und stockst den Geldmarkt- oder Anleihenteil auf.
  • Jahr 2 (du bist 62): Ziel-Allokation 74 % Aktien / 26 % sichere Anlagen. Wieder verkaufst du Aktien. Das tut weh, weil "es gerade so gut läuft". Aber Disziplin ist alles.
  • Jahr 3 (du bist 63, ein Crash kommt): Die Börse gibt 30 % nach. Hättest du deine 90 %-Aktienquote behalten, wäre der Schaden immens. Da du aber in den letzten zwei Jahren konsequent umgeschichtet hast (du bist jetzt bei rund 66 % Aktien), trifft dich der Schlag deutlich weicher. Deine Anleihen- und Geldmarktpositionen bleiben stabil. Mehr noch: Beim Rebalancing kaufst du jetzt vielleicht sogar günstig Aktien nach, um deine Zielquote zu halten, statt Aktien zu Schleuderpreisen verkaufen zu müssen.
  • Jahr 5 (du bist 65, Renteneintritt): Ziel erreicht, 50 % Aktien / 50 % sichere Anlagen. Selbst wenn der Markt sich noch nicht vollständig erholt hat, hast du einen großen Puffer. Liegt das Depot (illustrativ nach Crash und Teilerholung) bei etwa 500.000 Euro, sind rund 250.000 Euro in sicheren Anlagen geparkt. Bei einer Entnahme von 20.000 Euro pro Jahr reicht dieser Puffer rechnerisch über zehn Jahre, ohne dass du eine einzige Aktie verkaufen musst.

Welche ETFs eignen sich für den Sicherheitsbaustein?

Jetzt wird es konkret. "Sichere Anlagen" ist ein dehnbarer Begriff. Nach der Zinswende bewegt sich der EZB-Einlagesatz Mitte 2026 wieder bei 2,25 % (Stand: Juni 2026), nachdem er zuvor bei 2,00 % lag. Kurzlaufende, verzinsliche Anlagen werfen also wieder etwas ab. Trotzdem musst du wählerisch sein. Unternehmensanleihen mit High-Yield-Charakter haben in deinem Sicherheitsbaustein nichts verloren, denn sie korrelieren zu stark mit Aktien. Wenn es an der Börse kracht, fallen die auch.

Für den defensiven Teil des Gleitpfads kommen im Wesentlichen zwei Kategorien in Frage:

1. Geldmarkt-ETFs und kurzlaufende Staatsanleihen

Hier geht es um maximalen Kapitalerhalt. Die Rendite ist zweitrangig, sie soll vor allem die Inflation abfedern. Ein oft genanntes Beispiel für den Euro-Raum ist der Xtrackers II EUR Overnight Rate Swap UCITS ETF (ISIN LU0290358497, TER 0,10 % p. a.). Er bildet den kurzfristigen Euro-Geldmarktzins (Solactive €STR) ab, schwankt kaum und liefert stetige, kleine Erträge. Er ist quasi das Tagesgeldkonto im ETF-Mantel. Alternativ bieten sich ETFs auf kurzlaufende Staatsanleihen der Eurozone an, etwa mit einer Restlaufzeit von 0 bis 1 Jahr oder 1 bis 3 Jahren. Hier ist das Zinsänderungsrisiko gering. Wie sich Geldmarkt-ETFs gegen klassisches Tagesgeld schlagen, zeigt unser Geldmarkt-ETF-vs-Tagesgeld-Vergleich.

2. Global Aggregate Bonds (währungsgesichert)

Wenn du etwas mehr Diversifikation im Anleihenteil möchtest, greifst du zu einem weltweiten Korb aus Staats- und Unternehmensanleihen guter Bonität (Investment Grade). Ganz wichtig: Wähle eine Variante mit "EUR Hedged". Du willst kein Währungsrisiko im Sicherheitsteil. Wenn der Dollar fällt, soll dein Sicherheitsbaustein nicht an Wert verlieren.

Ein Beispiel ist der iShares Core Global Aggregate Bond UCITS ETF EUR Hedged (Acc) (ISIN IE00BDBRDM35, TER 0,10 % p. a.). Er enthält tausende Anleihen weltweit und puffert Schwankungen gut ab. Aber Achtung: Er hat eine längere Duration (Zinsbindung). Steigen die Zinsen, können die Kurse dieses ETFs vorübergehend fallen. Dafür ist die langfristige Renditeerwartung höher als beim reinen Geldmarkt.

Die Mischung macht es. Viele Ratgeber empfehlen fünf Jahre vor der Rente eine Kombination: einen Teil im ultrakurzen Geldmarkt (Cash Cushion) für den sofortigen Bedarf und einen Teil in breite Anleihen-ETFs für die mittelfristige Stabilität. Wie stark Anleihen die Schwankungen im Depot dämpfen, vertiefen wir im Beitrag Anleihen vs. Aktien.

Steuern: Der Endgegner deiner Strategie

Wir leben in Deutschland. Das bedeutet, wir müssen über Steuern reden. Und das Gleitpfad-Modell hat hier einen Haken, den du kennen musst: das FIFO-Prinzip (First In, First Out). Verkaufst du Anteile deines MSCI World, um Anleihen zu kaufen, unterstellt das Finanzamt, dass du die zuerst gekauften Anteile veräußerst. Und genau diese Anteile haben in der Regel die dicksten Gewinne angesammelt. Jeder Umschichtungsschritt löst also potenziell Steuer aus.

Auf realisierte Kursgewinne fällt Abgeltungsteuer von 25 % plus Solidaritätszuschlag an, in Summe 26,375 % (zzgl. Kirchensteuer, falls zutreffend). Bei einem Aktien-ETF (mindestens 51 % Aktienanteil) greift zusätzlich die Teilfreistellung von 30 %: 30 % des Gewinns bleiben steuerfrei, versteuert werden also nur 70 %. Die effektive Steuer auf den Bruttogewinn eines Aktien-ETFs liegt damit bei rund 18,5 % (70 % x 26,375 %).

Rechenbeispiel: Du schichtest 10.000 Euro um, davon sind 4.000 Euro Kursgewinn. Von diesem Gewinn sind nach Teilfreistellung 2.800 Euro steuerpflichtig. Darauf fallen 26,375 %, also rund 739 Euro Steuer an (Sparerpauschbetrag hier der Einfachheit halber ausgeklammert). Statt 10.000 Euro landen also rund 9.260 Euro im neuen Baustein. Der Zinseszins-Effekt auf diese vorgezogene Steuerzahlung ist verloren.

Der Sparerpauschbetrag hilft: 1.000 Euro pro Person (2.000 Euro bei Zusammenveranlagung) an Kapitalerträgen bleiben jährlich steuerfrei. Wer den Freistellungsauftrag klug über mehrere Jahre nutzt, kann kleinere Umschichtungen steueroptimiert stückeln.

Vorabpauschale nicht doppelt versteuern: Thesaurierende ETFs zahlen jährlich eine Vorabpauschale, die (für 2026 mit einem Basiszins von 3,20 %) bereits laufend besteuert wird. Diese bereits versteuerten Beträge werden beim späteren Verkauf vom Veräußerungsgewinn abgezogen, sodass es zu keiner Doppelbesteuerung kommt. Das erledigt die inländische Depotbank in der Regel automatisch. Details zur Systematik findest du in unserem Steuer-Bereich.

Wie gehst du mit der Umschichtungssteuer um?

  • Akzeptanz: Sieh die Steuer als Preis für die Sicherheit. Lieber versteuerte Gewinne sichern als unversteuerte Gewinne im Crash verlieren.
  • Zuführung umlenken: Statt Aktien zu verkaufen, lenkst du fünf Jahre vor der Rente deine frischen Sparraten zu 100 % in den Sicherheitsbaustein. Du kaufst keine Aktien mehr nach. Das reicht oft nicht für die komplette Umschichtung, spart aber Steuern.
  • Sparerpauschbetrag ausschöpfen: Realisiere pro Jahr gezielt so viel Gewinn, dass der Freibetrag genutzt wird.

Die Steuer darf deine Strategie nicht diktieren, aber sie muss einkalkuliert werden. Ein "Netto-Gleitpfad" rechnet diese Abzüge von vornherein mit ein. Für die konkrete Behandlung deines Einzelfalls ist eine Steuerberaterin oder ein Steuerberater die richtige Adresse.

Psychologie: Warum der Gleitpfad so schwer durchzuhalten ist

Mathematisch ist der Gleitpfad logisch. Psychologisch ist er eine Herausforderung. Das Problem ist die "Fear of Missing Out" (FOMO). Stell dir vor, wir haben das Jahr vier vor deiner Rente. Du verkaufst pflichtbewusst Aktien, um Anleihen zu kaufen. Die Börse rennt aber wie verrückt. Der DAX (seit der Reform mit 40 Werten) macht Allzeithochs, der S&P 500 kennt kein Halten. Deine Freunde prahlen beim Grillen mit ihren Renditen. Und du? Du bremst absichtlich. Dein Depot wächst langsamer als das der anderen. Du fühlst dich wie der Depp, der zu früh gegangen ist.

Diese Gier ist menschlich. Aber sie ist gefährlich. Der Gleitpfad ist eine Versicherung. Und eine Versicherung kostet immer Geld, in Form von entgangener Rendite. Du schließt eine Feuerversicherung für dein Haus ab und ärgerst dich am Jahresende ja auch nicht, dass dein Haus nicht abgebrannt ist und die Prämie "umsonst" war. Genauso musst du den Gleitpfad sehen: Du bezahlst mit potenzieller Rendite dafür, dass dein finanzieller Ruhestand planbarer wird, egal was die Weltwirtschaft treibt.

Inflation: Das Risiko der "zu sicheren" Anlage

Bei all dem Lob auf Sicherheit und Anleihen dürfen wir eines nicht vergessen: die Inflation. Wenn du fünf Jahre vor der Rente alles in Cash umschichtest, entgehst du zwar dem Crash-Risiko, läufst aber voll in das Inflationsrisiko. Dein Geld verliert jedes Jahr an Kaufkraft. Deshalb ist ein Gleitpfad, der bei 0 % Aktien endet, meistens keine gute Idee (außer du bist extrem vermögend und brauchst keine Rendite mehr).

Ein Aktienanteil von 30 % bis 50 % im Ruhestand ist in vielen Fällen sinnvoll, um die Kaufkraft deines Portfolios über 20 oder 30 Jahre Rentenzeit zu erhalten. Aktien sind der Motor, Anleihen sind der Stoßdämpfer. Ein Auto ohne Motor bewegt sich nicht, ein Auto ohne Stoßdämpfer zerbricht beim ersten Schlagloch.

Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Umsetzung

Du bist jetzt motiviert, deinen eigenen Gleitpfad zu bauen? Gut. Hier ist der Plan für die nächsten Jahre:

Schritt 1: Bestandsaufnahme (Status Quo)

Logge dich in dein Depot ein. Wie hoch ist der Gesamtwert heute? Wie hoch ist der Anteil an Aktien-ETFs, wie hoch der Cash- und Anleihenanteil? Ignoriere dabei zunächst deine selbstgenutzte Immobilie oder gesetzliche Rentenansprüche. Wir schauen nur auf das liquide Vermögen, das bewirtschaftet werden muss.

Schritt 2: Zieldefinition

Wann genau brauchst du das Geld? Lege ein Datum fest. Sei konservativ. Wenn du "vielleicht mit 63, spätestens mit 67" in Rente willst, plane für 63. Sicherheit geht vor.

Schritt 3: Die Route berechnen

Lege deine Zielallokation fest. Bist du eher vorsichtig? Dann peile 30 % Aktien / 70 % Sicherheit an. Bist du gelassen und hast eine gute gesetzliche Rente im Rücken? Dann sind 60 % Aktien / 40 % Sicherheit auch vertretbar. Berechne dann, wie viele Prozentpunkte du pro Jahr umschichten musst, um von heute bis zum Ziel zu kommen.

Schritt 4: Sparpläne anpassen (Sofortmaßnahme)

Stoppe alle Sparpläne in Aktien-ETFs, wenn deine Aktienquote zu hoch ist. Leite das frische Geld komplett in den Geldmarkt-ETF (z. B. den erwähnten Xtrackers) oder den Anleihen-ETF. Das ist der steuerschonendste Weg, die Balance zu verschieben. Bei Brokern wie Trade Republic oder Scalable Capital lassen sich Sparpläne kostenlos umstellen oder pausieren. Achte allerdings darauf, dass ab dem 1. Juli 2026 das EU-weite PFOF-Verbot gilt, was die "Gratis-Handel"-Modelle einiger Neobroker verändert.

Schritt 5: Der jährliche Rebalancing-Termin

Trage dir einen festen Termin im Kalender ein, z. B. immer am ersten Börsentag im Dezember. An diesem Tag prüfst du die Quoten. Liegst du noch auf dem Gleitpfad? Wenn der Aktienmarkt stark gestiegen ist, musst du aktiv verkaufen. Wenn er gefallen ist, musst du vielleicht gar nichts tun, weil der Markt die Reduzierung der Quote für dich erledigt hat.

Schritt 6: Kosten minimieren

Achte bei den Verkäufen auf Transaktionskosten, aber lass dich nicht von 10 Euro Ordergebühr davon abhalten, 50.000 Euro Sicherheit zu schaffen. Handele über einen günstigen Broker (siehe unseren ETF-Broker-Vergleich) und achte auf den Spread. Handele möglichst zu den Xetra-Handelszeiten, also werktags zwischen 9:00 und 17:30 Uhr.

Der "Cash Cushion" als Alternative zum komplexen Anleihen-Management

Wenn dir das Hantieren mit Anleihen-ETFs, Duration und Zinskurven zu kompliziert ist, gibt es eine pragmatische Alternative: das Cash-Polster (Cash Cushion). Statt einen prozentualen Gleitpfad zu berechnen, definierst du deinen Bedarf in absoluten Zahlen.

Du sagst: "Ich brauche im Ruhestand 2.000 Euro pro Monat aus dem Depot als Ergänzung zur Rente." Das sind 24.000 Euro im Jahr. Du willst sicherstellen, dass du drei Jahre lang keinen Crash fürchten musst. Also brauchst du 3 x 24.000 Euro = 72.000 Euro als Cash-Puffer.

Deine Strategie für die letzten fünf Jahre besteht nun schlicht darin, dieses Polster aufzufüllen. Egal wie groß das restliche Depot ist, dein Ziel ist es, am Tag X diese 72.000 Euro auf dem Tagesgeld oder im Geldmarkt-ETF liegen zu haben. Der Rest bleibt in Aktien. Kommt der Crash, lebst du aus dem Polster. Steigt der Markt, verkaufst du Aktien, um das Polster wieder auf drei Jahre aufzufüllen. Diese Methode ist mental oft einfacher zu verbuchen als abstrakte Prozentwerte.

Keine Angst vor der Entscheidung

Viele Anleger verfallen in eine Schockstarre, je näher der Renteneintritt rückt. Die Summen sind groß, die Verantwortung drückt. Aber keine Entscheidung zu treffen, ist auch eine Entscheidung, und zwar meistens die für maximales Risiko. Das Gleitpfad-Modell, egal ob linear oder als Bond Tent, nimmt dir die Last der täglichen Marktbeobachtung ab. Es ist ein Regelwerk. Und Regeln sind in Stresssituationen (wie einem Börsencrash) das Einzige, was dich vor Panikverkäufen schützt.

Du hast es geschafft, ein Vermögen aufzubauen. Jetzt geht es darum, es zu behalten. Sei nicht der Bergsteiger, der auf den letzten Metern stolpert, weil er den Blick starr auf den Gipfel gerichtet hat, obwohl er längst auf dem Rückweg ist. Sichere dir deine Ernte.

Fazit

Eine durchdachte ETF-Ausstiegsstrategie wie das Gleitpfad-Modell hilft, deine über Jahre aufgebauten Gewinne vor dem Renditereihenfolge-Risiko zu schützen. Durch einen schrittweisen Übergang in sicherere Anlagen wie Anleihen und Geldmarkt-ETFs und einen bewusst kalkulierten Umgang mit Steuern (FIFO, Teilfreistellung, Sparerpauschbetrag) kannst du die Planbarkeit deiner Finanzen im Ruhestand deutlich erhöhen. Es gibt keine Garantie und keine Renditeversprechen. Aber ein klares Regelwerk schützt dich davor, im entscheidenden Moment aus dem Bauch heraus falsch zu handeln.


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